Viele Menschen kennen ihn, keiner mag ihn: Stress. Vor allem in der Arbeit ist Stress ein unbeliebter Gast. Im privaten Umfeld kann Stress eine toxische Auswirkung auf eine Beziehung haben. In einer hierarchischen Beziehung kann es dann passieren, dass man nicht mehr in der Rolle aufgeht, sondern der Körper nur noch „funktioniert“. Wenn der Spaß ausbleibt, dann kann BDSM sowohl den Körper als auch den Geist zerstören.
BDSM als Lebenseinstellung
Für viele Menschen ist BDSM ein wichtiger Lebensbestandteil. Jede BDSM-praktizierende Person lebt diese Vorliebe auf seine eigene Art aus. Der eine mag es, wenn ihm die Augen beim Geschlechtsverkehr verbunden werden (Sinnesentzug als Stilelement), ein anderer lebt vielleicht hingegen als fester Sklave in einer hierarchischen Beziehung. Beide lieben den Grundsatz von BDSM, doch die Ausprägungen können hier stark abweichend sein. Dennoch kann man bei beiden Personen sagen, dass BDSM in gewisser Weise eine Lebenseinstellung ist. Es bereichert ihr Leben und BDSM gibt ihnen Kraft. Ob als Ausgleich zum Arbeitsalltag oder als fester Bestandteil über den ganzen Tag hinweg.
Lebensfreude
Viele Außenstehende können sich nicht vorstellen, dass sich unter all der Fremdbestimmung und teils auch Schmerz eine liebevolle Partnerschaft befinden kann. Die meisten Außenstehenden sehen hier nur abnorme Sexualpraktiken mit einer teils krankhaften Besessenheit. Dennoch ist für BDSM-Liebhaber das Eintauchen in diese Welt oft pure Lebensfreude und nicht nur sexuelle Befriedigung. Genau diese Lebensfreude ist der Grund, warum die meisten BDSM-Liebhaber restriktive Spiele veranstalten und sei es nur eine Kette, welche man um den Hals trägt und das Vorhängeschloss unter der Kleidung versteckt.
Das Streben nach mehr…
Jeder Mensch strebt eine Sache an. Im Arbeitsalltag strebt man den Feierabend an, bei guter Arbeitsleistung strebt man eine Gehaltserhöhung an, beim Putzen strebt man eine saubere Wohnung an, beim Geschlechtsverkehr strebt man den sexuellen Höhepunkt an und zu Beginn einer BDSM-Session strebt man möglicherweise eine restriktive Ganzkörperfixierung mit einhergehender sexueller Penetration an. Gerade bei BDSM-Liebhabern ist das Streben nach mehr sehr ausgeprägt. Neue Spielsachen ausprobieren, mehr Spielsachen im Einsatz haben bei einer Session, mehr und möglicherweise geilere Fetischkleidung besitzen und auch tragen, länger fixiert sein, mehr Schmerzen aushalten können und einen intensiveren sexuellen Höhepunkt erleben. Viele Punkte, die man auf einer Wunschliste vermerken kann. Doch wird man beim Erfüllen dieser Wünsche auch glücklicher oder ist man dann eher frustriert, dass die zu erreichenden Ziele irgendwann immer weniger werden oder gar alle bereits erreicht wurden?
Zu viel des Guten
Bei all dem Streben nach mehr kommt man möglicherweise an einen Punkt, an dem es für den Körper oder den Geist zu viel wird. Manche möchten gern mehrere Wochen (oder noch länger) am Stück in einem Keuschheitsgürtel eingesperrt sein, aber am Körper bilden sich Wunden und das Tragen des Gürtels bereitet Schmerzen. Andere würden gern dauerhaft eine Kette oder ein Halseisen um den Hals tragen, doch das Metall verursacht einen juckenden Hautausschlag. Wieder andere würden gern komplett in Gummi bekleidet schweißtreibende Abenteuer gepaart mit Atemkontrollspielen betreiben, doch der Kreislauf macht einen Strich durch die Rechnung. Viele Wünsche, doch Körper und Geist zeigen einem hier die persönlichen Grenzen auf. Nicht alle möchten diese Warnsignale ihres Körpers oder ihrer Seele wahrhaben und diese Frustration wird im wahrsten Sinne des Wortes „überspielt“.
Grenzüberschreitung
Wenn man die Warnsignale ignoriert, dann kann es gefährlich werden. Dieser Stress, der sich auf den Körper und den Geist auswirkt, kann dazu führen, dass wir irgendwann nur noch „funktionieren“. Dies bedeutet, dass wir zwar unserer restriktiven Leidenschaft nachgehen, aber keine Freude mehr dabei empfinden. BDSM kann so zur Last werden und bereichert uns nicht mehr. Es geht sogar so weit, dass man diese Praktiken selbst als Liebhaber der restriktiven Art als nervig, schwachsinnig und überflüssig betrachtet. Es macht plötzlich keinen Sinn vor seinem Partner auf die Knie zu gehen oder sich fesseln zu lassen. Das Tragen eines Halsbands oder einer Keuschheitsvorrichtung sind plötzlich nur noch notwendige und überflüssige Übel. Der ursprüngliche Sinn, der sich hinter den ganzen fesselnden Praktiken befindet, scheint sich in Rauch aufgelöst zu haben.
Übertragung auf den Partner
Die schlechte Laune, die man bei Stress empfindet, überträgt sich relativ schnell auf den Partner oder die Partnerin und somit kann eine eigentlich intakte Beziehung auf eine Probe gestellt werden. Der Stress muss nicht immer im BDSM selbst seinen Ursprung haben. Oft ist es der Arbeitsalltag oder ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren, die hier zum Stimmungskiller werden und uns belasten. Diese Last überträgt sich dann auf unsere Grundstimmung und wenn man genau hier dann noch BDSM praktizieren „muss“, dann ist es zu viel des Guten.
Vermeidung von Stress
Es gibt kein Patentrezept, wie man Stress vermeidet. Hätte man es bereits gefunden, dürfte es theoretisch auch keinen Burnout mehr geben. Wichtig ist, dass man auf sich selbst hört und die Warnsignale, welche uns der Körper aufzeigt, auch ernst nimmt. Manche Personen machen dann eine Pause, also keine Beziehungspause, sondern eher eine Pause was restriktive Praktiken angeht. Andere hingegen bleiben in der BDSM-Welt, schalten aber einen Gang zurück und gehen es langsamer als gewohnt an. Manche Personen tanken über BDSM auch wieder Energie, indem sie sich von ihrem Partner fesseln lassen und dann in einer Art Meditation fallen und die Sorgen des Alltags abstreifen. Allerdings bedarf diese Selbstreinigung auch etwas Übung und funktioniert möglicherweise nicht immer.
Achtet auf die Signale, die euch euer Körper gibt. Habt auch keine Angst, diese Signale eurem Partner mitzuteilen. Passt aufeinander auf!
