Unterschiedliche Erwartungshaltungen einer Beziehung können dazu führen, dass sie scheitern. Manche Erwartungshaltungen könnten den Partner überfordern. Ist es sinnvoll, einen Kompromiss einzugehen oder sollte man mehr auf die eigenen Bedürfnisse hören? Was passiert, wenn die Sehnsucht nach einer konsequenten Unterwerfung durch unzureichende Härte unbefriedigend ist?
Konsequent
In einer hierarchischen Beziehung ist es wichtig, dass man konsequent ist. Das bedeutet aber nicht, dass man sein Gegenüber zwanghaft überfordern muss. Es geht um eine gemeinsame Führung. Der dominante Partner führt den devoten und der Devote lässt sich auch führen. Wenn man dieses Leitbild konsequent lebt, dann ist das ein Grundstein für eine dauerhafte feste BDSM-Beziehung.
Erwartungshaltung
Jede Person hat an eine Beziehung eine andere Erwartungshaltung. Wichtig ist, dass man diese auch offen ausspricht, damit der Partner auch abwägen kann, ob er diesen Erwartungen auch gerecht wird. Ich selbst hatte auch schon mal eine hierarchische Fernbeziehung, die aufgrund falscher Erwartungen gescheitert ist. Abgesprochen war die verschlossene Keuschheit meines Gegenübers mit einer entsprechenden Fremdbestimmung durch mich. In der Realität suchte mein Spielpartner aber jemanden, der ihm permanent Aufgaben und Challenges liefert, die vorrangig im verschlossenen Zustand (mit angelegtem Keuschheitskäfig) ausgeführt werden sollten. Aufgrund einer gesundheitlich bedingten dauerhaften Tagesfreizeit des devoten Spielpartners wäre dies eine sehr zeitintensive Betreuung gewesen, da über den Tag verteilt im Abstand von fünf bis zehn Minuten Anfragen für neue Aufgaben kamen. Aufgrund dieser stark abweichenden Erwartungshaltung ging die Fernbeziehung nach (sehr) kurzer Zeit in die Brüche.
Überforderung der Tops
Wir sind der Frage, ob es schwer ist ein Top zu sein, schon in der Vergangenheit nachgegangen. Nach Rücksprache mit einigen erfahrenen Tops (mit wechselnden Spielpartnern) lässt sich zusammenfassen, dass es auf der Seite der devoten Spielpartner einen schier unstillbaren Durst gibt. Das Verlangen nach BDSM ist sehr hoch und die Suche nach einem passenden dominanten Partner scheint für viele eine Lebensaufgabe zu sein. Umso verständlicher, dass eine devote Person möglichst alle Punkte auf seiner Wunschliste abarbeiten möchte, wenn er endlich die Gelegenheit hat, eine BDSM-Session mit einem Top zu erleben. Aber jede Person hat körperliche und auch emotionale Grenzen. Und die Frage ist auch immer, ob es sich um einen flüchtigen Spielpartner handelt, den man nach einer einmaligen Session nie wieder sieht oder ob sich daraus eine langfristige fesselnde Beziehung entwickelt.
Permanente Kontrolle
Für viele devote Spielpartner ist es ein zusätzlicher Kick, wenn sie unter permanente Überwachung stehen. Dies könnte eine Kameraüberwachung in der Wohnung sein, das Tracken via GPS (z.B. Smartphone, elektronischer Fußfessel oder AirTag) oder die stichprobenartige Kontrolle mit Bild- und Videobeweisen. Letzteres sehe ich bei meinem keuschen Sklaven auch, dass ihn das reizt. Er muss dauerhaft eine Keuschheitsschelle tragen und in unregelmäßigen Abständen wird ein Beweisbild gefordert, welches innerhalb weniger Minuten zu senden ist. Das können mehrere Bilder am Tag sein oder auch mal drei Tage keine Forderung danach. Aber diese Möglichkeit, dass jederzeit ein sogenannter „Cage Check“ gefordert wird, kann erregend sein.
Härter! Strenger! Intensiver!
Jede Person hat das Bestreben, sich weiterzuentwickeln und neue Erfahrungen zu sammeln. Auch kann es passieren, dass man bei manchen Praktiken etwas abstumpft, wenn man eine gewisse Routine hat. Klicken bei einem zum ersten Mal die Handschellen, dann ist es ein magischer Moment. Doch wenn man die Handschellen ein Jahr lang jeden Tag in Folge für einen bestimmten Zeitraum tragen muss, dann ist es irgendwann normaler Alltag. Gibt es da noch eine Steigerung?
So kann es passieren, dass ein devoter Spielpartner, der genau das bekommt, was er sich wünscht (gefesselt zu sein), darin eine gewisse „Langeweile“ verspürt. Jeden Tag dasselbe Ritual, da möchte man eine Abwechslung haben. Es darf auch gern etwas härter, strenger und intensiver werden! Beim Spanking dürfen die Schläge gern etwas härter sein. Beim Tragen einer Keuschheitsschelle darf die Tragedauer gern etwas verlängert werden. Beim Verrichten sexueller Dienstleistungen (zum Beispiel Oralverkehr) darf es gern etwas intensiver werden (zum Beispiel Deepthroat). Doch dazu gehören immer (mindestens) zwei Personen.
Undankbarkeit?
Eine gewisse Unzufriedenheit beim jeweiligen Spielpartner hat nicht immer etwas mit Undankbarkeit zu tun. Viele BDSM-Liebhaber sind sogar sehr dankbar dafür, dass sie eine Person gefunden haben, mit der sie solche fesselnden Abenteuer erleben kann. Dennoch sehnen sich manche nach mehr Kontrolle, mehr Härte und einem intensiveren BDSM-Erlebnis, als ihr Partner oder ihre Partnerin liefern können.
Offener Dialog
Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass ein offener Dialog, sofern der devote Partner nicht geknebelt ist, zielführend sein kann. Man sollte offen über sexuelle Wünsche und Vorlieben sprechen, denn nur so können manche unbefriedigten Sehnsüchte vielleicht gestillt werden. Einem unserer langjährigen Leser möchten wir an dieser Stelle das Schlusswort erteilen:
Leon (37) aus Innsbruck: „Mein Freund und ich haben schon viel miteinander erlebt, auch was den SM angeht. Dabei war uns beim Sex der klassische Oral- oder Analverkehr nicht wichtig. Wir haben unsere Lust über unseren Fetisch ausgelebt. Irgendwie hatte ich mal Lust einen Keuschheitskäfig zu testen. Ich habe mir einen bestellt und heimlich getragen. Irgendwann hat mich mein Freund damit erwischt und meinte nur ‚wenn ich das gewusst hätte‘.
Im Endeffekt hatte er auch schon mal den Gedanken, mich zu verschließen, aber hatte es nie ausgesprochen, weil er nicht wusste, wie ich darauf reagiere. Inzwischen habe ich mir ein hochwertiges Modell gekauft und mein Freund hält mich (mit wenigen Ausnahmen) seit gut einem halben Jahr fast dauerhaft keusch und verschlossen. Die Sehnsucht danach war bei mir vor zwei Jahren schon vorhanden, aber ich wollte diesen Wunsch nach mehr Strenge in unserer Beziehung nie laut ausgesprochen. Ich bin froh, dass er mich damals bei meiner ‚Testkeuschheit‘ erwischt hat.
Heute würde ich eine verborgene Sehnsucht meinem Freund gegenüber laut aussprechen und so tut es auch er. Ob wir die jeweilige Sehnsucht des anderen dann stillen können, das wird sich zeigen. Aber so wissen wir immer, wie wir dran sind und können gemeinsam nach einer Lösung.“
