Seile und Schneidewerkzeuge – Mit freundlicher Genehmigung von Bondagetrainer.de

Seile aufschneiden – Wann der Einsatz eines geeigneten Schneidwerkzeugs Sinn macht (und wann nicht)

Wer mit Seilen fesseln möchte, kennt sicherlich den Hinweis, auch stets eine Schere für den Notfall bereitzuhalten. Doch wann genau schneidet man denn eigentlich Seile auf und wann kann man noch normal entfesseln? Und welche Werkzeuge sind für diesen Einsatz eigentlich geeignet?

Im Profi-Bereich braucht man ein Schneidewerkzeug zwar eigentlich nie, dennoch beginne ich keine Fesselung ohne mein Notfallmesser. Denn den Moment, in dem man sich denkt „hätte ich doch bloß mein Rescue Tool dabei“, will man einfach nicht erleben, geschweige denn später erklären müssen.

In diesem Beitrag soll es um das Thema Notfallschneidewerkzeuge beim Fesseln mit dem Seil gehen. Ich hoffe sehr, dass ich dir damit etwas Sicherheit geben kann.

1. Wann sollte man schneiden?

Grundsätzlich gilt, dass du die Seile aufschneiden musst, wenn du der Meinung bist, dass es in dem Moment die für dich sicherste Alternative ist.

Gerade wenn man noch nicht so viel Fesselerfahrung hat, kann man noch nicht jeden Trick und Lösungsweg kennen. Dennoch tragen wir als Fesselnde einen Großteil der Verantwortung und müssen im Notfall schnell ins Handeln kommen. Es gibt diese Situationen einfach, in denen man aufgeregt und überfordert ist und ein effektiv-beherztes Abfesseln bzw. Entfesseln genau die Zeit und Konzentration kosten würde, die man einfach nicht mehr hat. Hier ist das Aufschneiden der Seile einfach die naheliegendste Lösung, um die Situation für beide zu entschärfen.

Und glaube mir: niemals würde ich einen Fessler dafür verurteilen, die Seile in einer Situation aufgeschnitten zu haben. Es zeigt nämlich, dass du ins Handeln gekommen bist und verantwortungsvoll agierst – und dafür sogar materielle Verluste in Kauf genommen hast.

Die zweite Situation ist die, in der dein Fesselpartner dich darum bittet, die Seile aufzuschneiden.

Diese Situation dürfte nur selten vorkommen, aber ich gehe davon aus, dass ein Bondagemodel erst dann mit dieser Art Bitte kommt, wenn es sich wirklich um einen Notfall handelt – vielleicht muss dieser Notfall auch nicht unbedingt von außen sichtbar sein (z.B. Panikattacke, psychische Ausnahmesituation). Bitte denke daran: Wir als Fesselnde sind zur umgehenden Befreiung auf Wunsch verpflichtet.

Denk auch an externe Faktoren, die du nicht kontrollieren kannst.

Ich erzähle an dieser Stelle gerne die Story von meinem Model, welches ich gefesselt hatte und wo dann ein Feueralarm in meinem Wohnhaus losgegangen war. Überall im Treppenhaus piepten plötzlich die Brandmelder im Chor. Wäre die Situation nicht zum Glück schnell wieder unter Kontrolle gebracht worden, hätte ich alle Seile ohne mit der Wimper zu zucken aufgeschnitten.

2. Körperliche Notfälle

Es kann theoretisch immer passieren, dass unser Model sich – entweder bedingt durch die Fesselung oder unabhängig davon – plötzlich in einer körperlichen Notsituation befindet. Ich möchte dir hier ein paar Beispiele vorstellen, wo du wann die Seile aufschneiden solltest:

Ohnmacht / Bewusstlosigkeit

Achte zuerst immer darauf, dass der Kopf nicht auf dem Boden aufschlagen kann. Dann prüfe, ob Seile am Hals zu eng anliegen und ziehe diese mit Gewalt vom Hals weg. Das Model laut ansprechen oder schütteln (egal was!), bis die Person wieder ansprechbar ist. Erst dann solltest du die Seile am Hals, Solarplexus und Brustkorb aufschneiden.

Atemnot

Bei einer Atemnot aufgrund von Asthma, immer zuerst Asthmaspray geben, dann abfesseln. Wenn sich Seile in die Rippen einschneiden oder auf den Solarplexus drücken, könnte das auch zu Panik und Hyperventilation führen (schnelles, flaches Atmen). Hier nicht trösten oder beruhigen, sondern sofort und zügig abfesseln und dabei das Model nach Möglichkeit aufrecht knien lassen (nicht stehen). Eine Atemnot bei erkennbarer Ursache muss in Absprache mit dem Model nicht notwendigerweise zum Aufschneiden der Seile führen.

Abgeschnürte Gliedmaßen

Kalte, bläulich-violett verfärbte Haut deutet meist auf einen venösen Blutstau hin. Was schlimm aussieht, ist aber weder gefährlich noch ein Notfall. Dennoch vermeiden wir einen venösen Blutstau wenn es geht und behalten ihn gut im Auge. Nach ca. zehn Minuten sollte die Position gewechselt werden. Bei Händen aufgrund einer gleichzeitig erhöhten Nervenverletzungsgefahr deutlich kürzer warten.

Taubheit / einschlafende Hände oder Finger

Die Faustregel im Shibari besagt: „Schläft die ganze Hand ein, ist es wahrscheinlich die Position der Schulter (kein Notfall). Schlafen aber nur ein oder zwei Finger ein, müssen wir instant handeln (Notfall!).“ Dann nämlich beschwert sich ein einzelner Armnerv und die Gefahr von Nervenverletzungen ist deutlich höher als bei einer komplett eingeschlafenen Hand. Hier korrigieren wir zunächst die Seillagen – vor allem am Handgelenk. Sollte nicht innerhalb von Sekunden eine Besserung eintreten, lösen wir die Fesselung partiell (Quick Release). Kommen wir nicht ran oder haben keine Möglichkeit zur erfolgreichen Korrektur, müssen wir aufschneiden.

Ein Knoten geht nicht mehr auf

Das passiert vor allem bei weichen, dehnbaren Seilen (Baumwolle, Mischgewebe) – bei Jute und Hanfseilen ist die Wahrscheinlichkeit dazu eher gering. Grundsätzlich gilt: Je weicher und dehnbarer das Seil, desto höher die Gefahr für sich zuziehende Knoten. Hier ist dann das Seil an sich schon ein Sicherheitsrisiko für bestimmte Fesselungen. Lässt sich ein Knoten gar nicht mehr öffnen, bleibt nur das Aufschneiden.

Blockierte Uplines in Hängungen

Wenn sich deine Upline bei vollem Gewicht des Models so gar nicht mehr bewegen lässt, kannst du – statt sie aufzuschneiden – einfach eine zweite Upline direkt daneben bauen und anziehen. So löst du die Blockade durch Gewichtsverlagerung. Uplines in Hängungen werden aufgrund der hohen Sturzgefahr nur im äußersten Notfall mit dem Messer gekappt.

Ich hoffe es wird etwas klarer, dass die meisten „Notfälle“ manchmal auch alternativ gelöst werden können. Rechne immer mit ein, dass auch das Aufschneiden der Seile viel länger dauern kann, als man sich vorstellt – abhängig vom Schneidewerkzeug und der jeweiligen Fesselung säbelt man nämlich mitunter länger am Seil als einem lieb ist.

3. Welches Schneidewerkzeug ist geeignet?

Es ist ein Unterschied, ob du ein Schneidewerkzeug für weiche Baumwolle und dehnbare Fasern (Synthetikgemische) oder für Jute und Hanfseile haben möchtest. Im ersten Fall kommst du gut mit einer Verbandschere oder einer handelsüblichen gewöhnlichen Schere zurecht. Die Faser der Baumwolle ist weich und leicht zu schneiden.

Arbeitest du aber mit Jute oder Hanf, kann selbst die beste Schere nach kurzer Zeit versagen. Ein kleiner Überblick, was wir hier auf keinen Fall verwenden sollten:

  • Küchenmesser, Jagdmesser, Taschenmesser: Die Gefahr, mit diesen Messern die Haut zu verletzen, ist viel zu groß. Nicht verwenden.
  • Verbandschere: Schneidet Verbände und weiche Materialien, keine Jute oder Hanfseile.
  • Gurtöffner: Ist für den einmaligen (!) Gebrauch gedacht und schneidet flache Bänder. Im Notfall müssen wir sehr, sehr viele Seile mit dem Werkzeug kappen können. Bitte keine Gurtöffner verwenden!
  • Küchenschere, Büroschere, Schneiderschere: Diese haben oft zu schwache Gelenke und werden schnell stumpf. Zudem können die scharfen Spitzen die Haut des Models verletzen (wir müssen mit dem Werkzeug schließlich erstmal zwischen Seillage und Haut)

Am besten geeignet sind:

  • Sogenannte “Rescue Tools” oder “Bear Claws” (ab ca. 27-50 Euro). Diese kleinen Werkzeuge haben Zähne, die geschützt liegen. Mit ihnen kann man viele Seile gut durchschneiden, ohne die Haut zu verletzen.
  • Echte EMT-Scheren (Emergency Medical Technician), auch “Kleiderschere” genannt. Das sind die Scheren, welche ein äußerst stabiles Gelenk und vorne abgerundete Spitzen haben. Nur die hochwertigen davon nutzen (ab ca. 50 Euro).

Ich hoffe das konnte dir etwas Klarheit im Umgang mit dem Schneidewerkzeug beim Fesseln geben. Das beste Sicherheitswerkzeug bist am Ende aber immer du selbst: Eine gute Ausbildung, geschulte Kommunikation mit dem Model und ein wacher Blick können die meisten Unfälle vermeiden.

Zur visuellen Erklärung noch eine kleine Übersicht über die verschiedenen Schneidewerkzeuge:

Schneidewerkzeuge – Mit freundlicher Genehmigung von Bondagetrainer.de
Schneidewerkzeuge – Mit freundlicher Genehmigung von Bondagetrainer.de
  1. starke EMT-Schere (Kleiderschere), gut geeignet
  2. Gill Harness Rescue Tool, sehr gut geeignet
  3. Schere mit stabilem Gelenk, aber zu spitz (Verletzungsgefahr für die Haut)
  4. Büro- oder Küchenschere, nicht geeignet (zu spitz und Gelenk zu schwach für Jute- und Hanfseile)
  5. Einfache EMT-Schere oder Verbandschere, maximal für weiche Baumwollseile geeignet

Vielen Dank an Eru für diesen informativen Gastbeitrag! Eru ist seit über 16 Jahren als Personal Trainerin für Rope-Bondage, Shibari und BDSM in Berlin tätig. Neben individuellen Trainings vor Ort vermittelt sie ihr Wissen auch online-modular aufgebaut, sofort einsatzfähig und für jedes Level geeignet.

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Veröffentlicht von

Dennis vom Fesselblog

Mentor und Berater im Bereich Fetisch und BDSM. Du möchtest dich über Fetisch und BDSM unterhalten? Kommt gern auf mich zu. Egal ob Einsteiger oder Profi, ich unterstütze dich gern!

Ein Gedanke zu „Seile aufschneiden – Wann der Einsatz eines geeigneten Schneidwerkzeugs Sinn macht (und wann nicht)“

  1. Bei uns kommen seltener Seile zum Einsatz. Ich werde bei Bedarf mit Eisen und Ketten fixiert. Hier braucht Es dann einen Bolzenschneider falls mal ein Schloss versagen sollte, ist aber noch nicht vorgekommen. Beim Seil-Bondage ist die Vorbereitung wichtig, das das Model bei einer Notöffnung nicht abstürzt, sich Gliedmassen verdreht oder gar in das Schneidwerkzeug fällt. Wir praktizieren solche Sessions in der Regel zu dritt, denn dem/der Fesselnden kann ja auch ein Notfall passieren. Für unerfahrene Retter bleibt dann auch nur das Aufschneiden der Seile.

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