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Pillion – Sind Kinobesucher bereit für eine DomCom?

Was kommt euch in den Sinn, wenn ihr an einen Biker-Film denkt? Ein Roadmovie wie „Easy Rider“ oder eher eine Komödie wie „Born to be Wild – Saumäßig unterwegs„. Aber denkt ihr auch an eine hierarchische homosexuelle Liebesgeschichte? Wir möchten euch den Film „Pillion“ vorstellen.

Es gibt inzwischen viele romantische Komödien, sogenannte „RomCom“. Doch im Jahre 2025 wurde ein Film der Öffentlichkeit präsentiert, den man so vermutlich nicht erwartet hätte. Eine homosexuelle Liebeskomödie mit BDSM-Hintergrund, also eine „DomCom“. 2026 schafft es der Film nun auch in einer Synchronfassung in die deutschen Kinos und dieses Event wollten wir uns nicht entgehen lassen.

Begriffserklärung

Der Titel des Films „Pillion“ hat mehrere Bedeutungen. Eine offensichtliche und wörtliche übersetzte Bedeutung ist Sozius, also der Beifahrer eines Motorradfahrers. Wobei damit nicht nur die Person selbst gemeint ist, sondern auch der Soziussitz auf einem Motorrad. Der Sozius an sich wäre eigentlich der „pillion passenger„, aber umgangssprachlich wird in der rede- und schreibfaulen Gesellschaft meist nur die Kurzform „pillion“ verwendet.

Eine weitere Bedeutung ist die eines unterwürfigen Partners in einer BDSM-Beziehung. Aber ehrlich gesagt haben wir im BDSM-Bezug bis dato noch keine Berührungspunkte mit diesem Begriff gehabt, was sich möglicherweise nach diesem Film ändern könnnte, denn auch Sprache kann sich verändern.

Das Buch „Box Hill“

Als im letzten Jahr (2025) im Internet darüber berichtet wurde, dass bei den 78. internationalen Filmfestspielen in Cannes (im Mai 2025) ein homoerotischer BDSM-Film uraufgeführt wurde, war unser Interesse geweckt. Doch bis wir im deutschsprachigen Raum den Film zu Gesicht bekommen durften, sollten zehn Monate vergehen. Genug Zeit, um die literarische Vorlage zu diesem Film zu lesen. Und so haben wir die Novelle „Box Hill“ gelesen, welche freundlicherweise vom Händler unseres Vertrauens schon als Romanvorlage zum Film „Pillion“ beworben wurde.

Voller Freude habe ich mich auf den Roman gestürzt und der Anfang war vielversprechend. Es begann fast schon als Einhandlektüre (Vorlage zur Selbstbefriedigung) und dann kam der tiefe Fall. Spätestens ab der Hälfte des Romans war es eher eine Qual diesen zu lesen, aber man möchte ja dennoch wissen, wie die Geschichte endet. Auch wenn wir das Buch eigentlich in die Ecke werfen wollten (da wäre aber der E-Book-Reader zu Schaden gekommen), haben wir den Roman zu Ende gelesen. Die Euphorie flaute stark ab und eine Frage schwirrte in unseren Köpfen herum: Warum solle man so einen – mit Verlaub – Mist verfilmen?

Es dauerte nicht lange und kurz nach den Filmfestspielen gab es die ersten Reviews zum Film und diese stimmten uns dann wieder positiv. Vor allem die Tatsache, dass es einige wesentliche Handlungsänderungen im Film abweichend zum Buch gibt, „beruhigten“ uns dann doch wieder.

Kinoerlebnis

Es war tatsächlich gar nicht so einfach ein Kino in der Nähe zu finden, in welchem der Film gezeigt wird. In großen Kinos in München oder Berlin lief der Film, aber in Augsburg blieb uns der Schnabel sauber. Scheinbar ist diese Geschichte dann doch nicht so massenkompatibel, wie wir angenommen haben. Und im Kinosaal selbst war die Anzahl der Gäste ebenfalls sehr überschaubar, leider! Wie spannend wäre ein solches Filmerlebnis mit einer Horde schwuler Biker gewesen, die möglicherweise ordnungsgemäß in Lederkombi gekleidet ins Kino gestiefelt wären? Vermutlich hätte das Knarzen des Leders dann doch zu sehr vom Film abgelenkt.

Der Film

Der Schöne und das Biest. In den Hauptrollen Harry Melling, den die meisten wohl aus den „Harry Potter„-Filmen kennen und Alexander Skarsgård, den man aus der Serie „True Blood“ oder aus Filmen wie „The Legend of Tarzan“ oder „The Northman“ kennt. Zwei Charaktere, die sich nicht nur optisch stark unterscheiden. Dennoch verbindet beide eine gewisse Chemie. Alexander Skarsgård spielt in diesem Film Ray, einen schier unnahbaren dominanten Lederbiker mit einem Adoniskörper. Harry Melling spielt den sexuell unerfahrenen und schüchternen Colin, den man auch als „hässliches Entlein“ bezeichnen könnte. Ziehen sich Gegensätze wirklich an?

Abweichungen zum Buch

Während die Novelle in den 1990er Jahren angesiedelt ist und die Haupthandlung, welche in den 1970er Jahren spielt, in Rückblenden erzählt wird, haben die Filmemacher die Handlung des Films in die Gegenwart übertragen. Diese Tatsache und die lineare Erzählweise sind gegenüber der Buchvorlage eine deutliche Aufwertung.

Made in Europe

Auch wenn es sich um einen klassischen Spielfilm handelt, sind explizite Sexszenen durchaus vorhanden. Es ist kein Pornofilm und die Altersfreigabe (FSK) ab 16 Jahren ist angemessen. Vielleicht war es auch ein großer Vorteil, dass der Film nicht im eher prüden Amerika gedreht wurde, sondern in England und Irland. Ein (missglückter) Blowjob im Hinterhof, der erste Analverkehr, Outdoor-Orgien und andere Szenen, bei denen die Augen größer werden. Besonders bei den Gruppenszenen kann ein geschultes Auge viele Details entdecken, als wäre es ein Wimmelbild. Dogplay, Keuschheitsschelle, Gummi, Leder, Rimming, Intimpiercings und viele andere Dinge kann man erblicken. Dabei wirkt der Film aber mit diesen expliziten Szenen nicht überfrachtet, sondern stellt die hierarchische Beziehung zwischen Ray und Colin in den Vordergrund.

Hierarchie

Wie einige BDSM-Beziehungen im wahren Leben zeigt auch der Film eine solche Beziehung als die, die sie sein kann: kompliziert. Es ist keine klassische Beziehung zwischen zwei Menschen, welche in ihrer Freizeit BDSM praktizieren. Es ist eine Beziehung, bei der die Hierarchie zwischen Dom und Sub im Vordergrund steht. Würde es zwischen diesen Personen keinen BDSM geben, dann gäbe es auch keine Beziehung. Auch diese Beziehung hat Höhen und Tiefen.

Liebe und Leidenschaft

Die Liebe zu einer Person und die Leidenschaft zu einer gemeinsamen Sache (an dieser Stelle BDSM) können eine sehr intensive Beziehung darstellen. Auch wenn man möglicherweise schon alles hat, sehnt man sich doch nach mehr. So ist es auch im Film, denn hier sagt Colin zu Ray ganz klar, dass er glücklich ist, aber gern noch ein wenig glücklicher wäre. Aber kann Ray ihm das bieten? Dafür müsst ihr den Film anschauen.

Auch wenn wir jetzt mehrfach BDSM geschrieben haben, so fehlt dem Film ein interessantes Element: Fesselungen. So trägt Colin, nachdem er von Ray eingekleidet wurde zwar eine abgeschlossene Sklavenkette um den Hals, er wird aber weder an der Leine geführt noch in einer anderen Form gefesselt, wie man es vielleicht vermutet hätte. Somit kann man betonen, dass BDSM auch ohne klassisches Fesseln auskommen kann. Jeder definiert BDSM für sich anders und das ist auch gut so.

Synchronisation

Wir waren in der Gunst beide Filmfassungen anzuschauen. Einmal der englisch/irische Originalton und einmal die deutsche Synchronfassung. Man muss der englischen Sprache schon mächtig sein, um das Genuschel zu verstehen. Da ist uns die deutsche Fassung dann doch eher wohlgesonnen. An dieser Stelle muss man betonen, dass die Stimme von Sascha Rotermund zur Rolle von Ray perfekt passt. Die meisten Zuschauer werden diese raue und dominante Stimme wohl von Filmen mit Benedict Cumberbatch zum Beispiel im Film „Doctor Strange“ oder als Stimme vom Drachen Smaug in „Der Hobbit“-Trilogie kennen. Auf der anderen Seite haben wir die fast schon kindliche Synchronstimme von Sebastian Fitzner, welcher Colin vertont. Auch diese Stimme ist nicht unbekannt in Hollywood. Gerade „Spider-Man“ Freunde dürften die Stimme erkannt haben, da Sebastian Fitzner unter anderem Jacob Batalon in der Rolle von „Ned Leeds„, also der beste Freund von „Peter Parker“ in den „Spider-Man„-Filmen mit Tom Holland, vertont hat. Aber keine Sorge, das waren dann schon die einzigen Gemeinsamkeiten zwischen dem Film Pillion und dem Marvel-Universum.

Eins ist allerdings dem bekannten „lost in translation“-Problem zum Opfer gefallen. Im Englischen sagt Colin, dass er „attitude for devotion“ hat. Im Deutschen wird das synchronisiert mit „hingebungsvolles Wesen„. Das passte aus unserer Sicht nicht ganz, dass der BDSM-Kontext hier deutlich entkräftet wird. Der Kontext des Films stellt seine devote Art aber sehr gut dar, von daher können deutsche Kinogänger den Kern der schwammig übersetzen Aussage aus dem Kontext entnehmen.

Fazit

Wir feiern diesen Film! Ein Film, der die schwule Biker- und BDSM-Welt auf eine stilvolle und würdige Art zeigt. Die Hauptdarsteller passen perfekt in die von ihnen dargestellten Rollen. Die Geschichte verzichtet bewusst auf das „perfekt ausgestattete Spielzimmer“ und konzentriert sich auf die zwischenmenschliche Beziehung und den durchaus rauen und animalischen Sex. Zudem verschweigt der Film die Meinung Außenstehender nicht und so kommt es zu nicht immer angenehmen familiären Diskussionen. Dennoch stimmt uns die Gesamtbotschaft positiv, dass Colin durch seine unterwürfige Art im BDSM sein persönliches Glück gefunden hat. Von daher kann man anderen nur raten, diesen Lebensweg bei Interesse einzuschlagen. Traut euch!


Achtung! Ab hier folgen nun große Spoiler, welche relevante Handlungsdetails (vor allem in Bezug auf das Ende des Films bzw. des Buches) verraten. Lesen auf eigene Gefahr, ihr seid hiermit vorgewarnt worden!

Spoiler Anfang – zum Lesen hier klicken:

Spoiler

Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage? Fehlanzeige! So eine Geschichte ist Pillion definitiv nicht!

Das Filmende:

Ray verschwindet spurlos und Colin wird allein zurückgelassen. Der Zuschauer erfährt nicht, wo Ray hingegangen ist und man leidet in gewisser Weise mit, dass der kleine Colin von Ray „geghostet“ wird.
Colin kommt über die Beziehung hinweg, installiert eine Dating-App auf dem Smartphone und geht ein Date mit einem anderen Mann ein, welcher (scheinbar) ebenfalls eine Vorliebe für hierarchische Beziehungen hat.

Das Romanende:

In der Romanvorlage stirbt Ray und Colin werden sämtliche Details vorenthalten und Rays Habseligkeiten werden verbrannt. Selbst auf Bitten und Drängen in der Biker-Gruppe wird Colin nur darüber informiert, dass Rays letzter Wille war, dass Colin nichts erfährt. Man muss dazu sagen, dass das in der Mitte des Buches passiert und Colin, welcher die Geschichte in Rückblenden erzählt, auch nach 20 Jahren noch nicht über diesen Beziehungsschmerz hinweg ist. Und ganz ehrlich: Wir haben dieses Roman-Ende (mitten im Buch) gehasst! Auch nach diesem Schock wird das Buch nicht besser. Es bleibt ein nicht vergehender Liebesschmerz bis zum letzten Absatz des Buches.

Die nicht-lineare Erzählweise des Buches und auch das detailreiche Ausschmücken vollkommen irrelevanter Nebenhandlungssträngen machen das Lesen des Buches umso ätzender. Von daher können wir nur davon abraten und legen den Fokus viel lieber auf den Film. Ein preisgekrönter Roman: definitiv unverdient! Eine preisgekrönte Idee für eine Geschichte: schon eher!

Spoiler-Fazit

Das Buch werden wir mit Sicherheit nie wieder lesen! Das ist Zeitverschwendung. Den Film hingegen werden wir uns noch viele Male anschauen und ihn feiern. Gut möglich, dass es in Fetischkreisen in diversen Großstädten noch entsprechende Veranstaltungen gibt, bei denen der Film öffentlich gezeigt wird und die Gäste eingeladen sind in voller Montur zu erscheinen. Wer weiß, vielleicht wäre das auch der passende Film für eine Pyjamaparty mit ein paar Gleichgesinnten Fetischfreunden.

Spoiler Ende

Nach aktuellem Kenntnisstand (März/April 2026) wird der Film im deutschsprachigen Raum im Sommer 2026 auf DVD, Blu-ray Disc und im Streaming verfügbar sein (bei den Links handelt es sich um Affiliate-Links zu Amazon.de). Es ist unwahrscheinlich, dass wir zu diesem Film eine Fortsetzung erhalten. Die Geschichte ist abgeschlossen und steht für sich allein. Dennoch könnten wir uns vorstellen, dass je nach Erfolg des Films andere Geschichten in dieser Art folgen werden. Es werden aber dennoch eher Nischenfilme bleiben und nie das große Mainstream-Kino werden, was auch einen Charme haben kann. Wir hoffen, euch hat das kleine Review gefallen! Schreibt uns gern einen Kommentar oder Nachricht, ob ihr den Film anschauen wollt oder vielleicht schon gesehen habt.


Zusatzinfo: Inzwischen sind weitere Romane auf dem Markt erschienen, welche unter dem Titel „Pillion“ und diversen Untertiteln veröffentlicht werden. Teils basieren diese auf dem Film und teils erzählen sie eine alternative Geschichte, wobei die Namen der Protagonisten oft sogar gleich bleiben. Wir werden diese Plagiate und Alternativromane aber nicht weiter betrachten.

Veröffentlicht von

Dennis vom Fesselblog

Mentor und Berater im Bereich Fetisch und BDSM. Du möchtest dich über Fetisch und BDSM unterhalten? Kommt gern auf mich zu. Egal ob Einsteiger oder Profi, ich unterstütze dich gern!

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