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Vermächtnis eines Kinksters

Das Leben ist schön. Und gewisse Spielarten können es noch schöner und abwechslungsreicher machen. Doch irgendwann endet unser Weg und wir stehen unserem Schöpfer gegenüber. Welches Vermächtnis hinterlassen wir unserer Nachwelt?

Wer beschäftigt sich gern mit dem Tod? Eigentlich niemand, außer man hat beruflich damit zu tun, zum Beispiel als Bestatter. Im Normalfall sind wir „zu sehr“ damit beschäftigt das Leben auszukosten, als dass wir uns mit dem Ende beschäftigen. Doch eins ist sicher: Das Leben ist endlich.

Der Abschied

Kürzlich ist jemand aus unserem Bekanntenkreis von uns gegangen. Freunde und Bekannte wussten, welche „Freizeitbeschäftigungen“ unser Bekannte hatte. Er war ein Kinkster, trug gern Leder und Gummi und hatte ein vollausgestattetes Spielzimmer, in welchem so manche heiße Session stattfand. Für die Familie war dieses Zimmer immer tabu und wurde als Abstellkammer deklariert. Direkte Nachkommen und Geschwister hatte er keine, so blieb die Wohnungsauflösung den Cousins und Cousinen überlassen. Glücklicherweise war einer seiner Cousins eingeweiht, so war die Überraschung nicht allzu groß, was man alles in der Wohnung vorfand.

Enge Freunde des Verstorbenen haben bei der Wohnungsauflösung geholfen und die Spielsachen und Fetischkleidung wurde einvernehmlich mit den Hinterbliebenen im engeren Freundeskreis verteilt. Einer der Freunde erzählte uns gegenüber: „Ich habe eine Lederkombi bekommen, die er gern getragen hat. Ab und zu schlüpfe ich rein und atme den herrlichen Lederduft ein. Ich glaube der Gedanke, dass ich die Kombi in Ehren halte, würde ihm [dem Verstorbenen] gefallen.

Erbe

Innerhalb der Verwandtschaft gab es aber auch andere Stimmen. Manche konnten mit der scheinbaren Perversion des Verstorbenen nichts anfangen und haben ihr Unverständnis ausgedrückt. Anders zu sein stößt nicht überall auf Verständnis.

Wir haben lange in unserem Team über dieses Thema gesprochen. Sein Erbe oder gar sein Vermächtnis hat niemand auf dem Schirm. Jeder steht in der Blüte seines Lebens und lebt im hier und jetzt.

Digitales Erbe

Materielles Erbe lässt sich einfach verteilen, doch wie sieht es mit dem digitalen Erbe aus? Es beginnt mit dem Smartphone, dem Computer und geht weiter zu irgendwelchen Online-Abos (Amazon, Netflix und Co.) und digitalen Inhalten. Die Zahl derer, die digitale Inhalte von sich online posten, steigt täglich. Ein Foto vom letzten Urlaub, ein lustiges Meme, welches man gefunden hat und vielleicht sogar Bilder und Videos von einem sexuellen Abenteuer.

Das Internet vergisst nichts

Was einmal online ist, kann von anderen nicht nur gesehen, sondern auch teils weiterverbreitet werden. Auch wir haben die Inhalte unseres Fesselblogs auch schon auf anderen Plattformen und Foren gefunden. Zum gewissen Teil nimmt man dies auch in Kauf. Selbst wenn die Quelle irgendwann gelöscht wird, so können unzählige Kopien davon noch im Umlauf sein. Und wenn diese nicht unbedingt online einsehbar sind, so hat so manche Person dies möglicherweise offline bei sich gespeichert.

Vermächtnis

Vor einigen Jahren (genauer gesagt im Jahr 2013) habe ich meine Festplatte aufgeräumt und einige gespeicherte Inhalte davon gelöscht. Bei diesem digitalen Frühjahrsputz bin ich auf einen Trailer gestoßen, welcher mich um die Jahrtausendwende nachhaltig beeindruckt hatte. So habe ich den Ersteller des Videos, welcher unter dem Pseudonym „CuteDaemon“ einige Inhalte produziert und veröffentlicht hat, angeschrieben und hatte einen netten Dialog. Er hatte sogar noch DVDs zum Verkauf im Angebot und so habe ich zumindest einen seiner Filme kaufen können und endlich in voller Länge betrachten können. Er machte mich darauf aufmerksam, dass die anderen Filme gerade ausverkauft seien, er sich aber gern meldet, wenn er wieder welche im Angebot hat.

Einige Jahre später wurde es still und seine Website war irgendwann verschwunden. E-Mails an seine Adresse gingen ins Leere uns so blieben nur noch manche Videofragmente auf diversen Videoplattformen. Im Dialog mit anderen Kinkstern kam dann die traurige Nachricht: Er ist leider viel zu jung und unerwartet verstorben.

Leere

In mir war eine Leere. So gern hätte ich mit dieser Person noch den Dialog gehalten und jetzt war er weg. Keine Möglichkeit mit ihm persönlich zu kommunizieren und (sehr egoistisch gedacht) auch keine Möglichkeit auf den Erwerb weiterer Videoinhalte von ihm. Zudem haben andere Interessierte ebenfalls nicht die Möglichkeit solche Videos zu sehen, außer man würde sie unerlaubt verbreiten.

Unangenehmes Thema

Uns ist bewusst, dass für viele Personen Themen rund um das Ableben und den Nachlass unangenehm sind. Dennoch wollten wir grundsätzlich darüber berichten, da gerade im BDSM-Bereich viele Personen Geheimnisse haben, die möglicherweise irgendwann doch ans Licht kommen. Und sei es eben nach dem Ableben. Wäre es nicht „besser“, wenn man zu Lebzeiten ein paar Personen in seine Geheimnisse einweiht und im Falle eines Ablebens dann alles geregelt ist? Das digitale Erbe sollte man hier ebenfalls nicht vergessen.

Schreibt uns gern, ob ihr für die Nachwelt schon alles geregelt habt. Oder vielleicht ist es euch auch vollkommen gleichgültig und eure Hinterblieben sollen mit euren Dingen machen, was sie wollen. Eure Meinung zu diesem Thema würde uns sehr interessieren! Welches Vermächtnis hinterlasst ihr? Wird man sich in der Fetischwelt an euch erinnern, selbst wenn eure Körper bereits zu Staub zerfallen sind?

Veröffentlicht von

Dennis vom Fesselblog

Mentor und Berater im Bereich Fetisch und BDSM. Du möchtest dich über Fetisch und BDSM unterhalten? Kommt gern auf mich zu. Egal ob Einsteiger oder Profi, ich unterstütze dich gern!

3 Gedanken zu „Vermächtnis eines Kinksters“

  1. Hallo,
    ein wichtiges Thema, welches nicht vernachlässigt werden sollte.
    Gerade habe ich aktuell meine Verfügungen erneuert, weil eine Operation anstand.
    Dazu gehört auch die Auflösung meiner großen Fetisch- und Kinky-Sammlung. Tatsächlich habe ich entschieden, dass viele Dinge davon an Spielpartner von mir weitergegeben werden sollen. Ich würde mich freuen, wenn sie damit auch zukünftig Spaß haben können.
    Der digitale Nachlass – vor allem der Kinky-Nachlass – ist auch bei mir geregelt. Zugriff haben zwei gute Freunde, die die Daten vernichten sollen. Alle meine Spielpartner besitzen die gemeinsamen Daten. Profile und meine Webseite sollen eine zeitlang mit einer Info weiterlaufen, bis sie dann irgendwann „verschwinden“.
    Sich darüber Gedanken zu machen, war für mich selbstverständlich. Ich wollte nahestehenden Vanila-Menschen nicht die Aufgabe überlassen, sich um dieses Thema zu kümmern. „Nach mir die Sintflut“ ist nicht meine Haltung.
    Hoffen wir, dass wir alle ein langes und erfülltes Leben haben werden. Erkennen wir aber auch die Realität an, dass es auch immer Menschen gibt, die es zu früh trifft.

    1. Vielen Dank für die positive Rückmeldung.
      Wir haben im Vorfeld mit einigen Freunden und Bekannten gesprochen, die ebenfalls in der Fetischwelt unterwegs sind. Zuerst haben sie meist das Gesicht verzogen, gefolgt von einem „damit möchte ich mich nicht beschäftigen“. Als wir dann in den näheren Dialog getreten sind, kam von eigentlich fast jedem die Einsicht, dass man sich damit beschäftigen sollte, auch wenn es manchmal unangenehm ist.
      Die „Nach mir die Sintflut“-Haltung müssen wir einfach abbauen.
      Und unabhängig davon, dass der Nachlass geregelt ist, wünschen wir allen ein langes, glückliches, erfülltes und vor allem gesundes Leben.

  2. Ein sehr wichtiges Thema, worüber ich mir schon sehr lange Gedanken mache, weil ich eben nicht mehr der allerjüngste bin und mein Körper bemerkbare Verschleißspuren aufzeigt.

    Einerseits ist es einfach: Außerhalb meiner Familie gibt es eine Person die ich zu 200% vertraue und die, wenn es denn soweit sein wird, meinen gesamten Besitz erben wird, inklusive alle Urheberrechte usw. Dies ist testamentarisch bis ins Detail festgelegt. Auch das teilen von Passwörtern etc. ist dabei geregelt und wird automatisch verlaufen. Es ist mir sehr wichtig vor Ihm auch nach meinem Tod gar nichts zu verbergen.

    Nicht so einfach ist was geschehen soll, falls der Betroffene unverhofft zuerst verstirbt. Dies ist leider sowieso nie unmöglich, und schon gar nicht wenn man bedenkt, dass er nur 3.5 Jahre jünger ist als ich es bin. Rein finanziell/materiell gesehen, könnte ich festlegen lassen, dass mein Nachlass in diesem Fall an seine Erben gehen soll, was er ja irgendwann sowieso tun wird, wenn ich zuerst versterbe. Diese Personen würden aber extrem überrascht sein, sollte mein Erbe nicht mehr die Gelegenheit haben einiges nach eigenem Ermessen verschwinden zu lassen. Noch dazu wo er in meinem Leben eine besondere Rolle spielt die auch nicht jeden in seinem Umkreis bekannt ist. Deswegen habe ich das damals so nicht festlegen lassen.

    Beim jetzigen Stand würde daher laut Gesetz schlimmstenfalls alles an ein entferntes Familienmitglied gehen, das aber gleichwohl sehr überrascht wäre und auch nicht unbedingt alles zu wissen braucht – und zwar zum Teil gerade deswegen, dass es sich um ein Familienmitglied handelt. Wenigstens kann ich das weiterleiten der Passwörter einschränken, aber eine echt zufriedenstellende Lösung habe ich bisher noch nicht gefunden.

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