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Oberflächliche Behandlung und individuelle Bedürfnisse

Wenn man einem neuen Spielpartner begegnet, dann muss man sich langsam an die jeweilige Person annähern. Bei einem fesselnden Abenteuer kann die Behandlung daher etwas allgemein und oberflächlich sein. Intensiver wird es, wenn man die individuellen Bedürfnisse seines Gegenübers kennt. Aber möchte man diese überhaupt wissen?

Bedürfnisse und Grenzen von Spielpartnern können sehr unterschiedlich sein. Während der eine es sanft mag, mag es der andere vielleicht gern etwas härter. Gerade bei wechselnden Spielpartnern kann es mühsam sein, vor einer Session in Erfahrung zu bringen, wie die jeweiligen Bedürfnisse der Spielpartner sind. Sollte man sich die Mühe überhaupt machen?

Eigene Bedürfnisse

Wir haben viele Gespräche mit BDSM-Liebhabern geführt und die Erfahrungen waren sehr unterschiedlich. Interessant war die Fragestellung nach den jeweiligen Bedürfnissen. Viele devote Personen genießen es, sich bei einer Session fallen zu lassen und hier wurde häufig die Frage gestellt, was denn wohl bei einer Session passieren würde und welche Behandlungen sie zu erwarten hätten. Eher selten war die Fragestellung danach, welche Bedürfnisse ihr Gegenüber wohl haben könnte. Die eigenen Bedürfnisse standen hier mehr im Fokus. Aber dies beschränkt sich nicht ausschließlich auf devote Personen.

Wer steht im Fokus?

Wenn man eine Session antritt, dann muss man sich die Frage stellen, wer oder was im Fokus steht. Steht der devote Partner im Fokus, welcher eine bestimmte Behandlung zu erwarten hat oder steht der dominante Partner im Fokus, der die Fäden an seiner „Marionette“ so ziehen muss, damit seine eigenen Bedürfnisse befriedigt werden. Im Optimalfall kommen beide Spielpartner vollumfänglich auf ihre Kosten, aber nur sie selbst haben das in ihrer Hand. Doch wen stellt man nun in den Fokus? Sich selbst und die eigenen Bedürfnisse oder die Wünsche und Sehnsüchte des Partners? Wenn man sich selbst in den Fokus stellt, dann kann die Individualität einer Session verloren gehen.

Schema F

Viele BDSM-Liebhaber haben bei einer BDSM-Session eine gewisse Routine. Ein Ablauf, welcher sich in gewisser Weise bei jeder Session wiederholt und mehr oder minder zur sexuellen Befriedigung führt. Zwei Leser haben uns ihren standardmäßigen Sessionablauf erklärt.

Sven (43), Dom/Top: „Wenn ich einen Spielpartner zu mir einlade, dann hat eine Session einen gewissen Ablauf. Der Raum (ein eigens dafür eingerichtetes Spielzimmer) wird eingeheizt, ein paar Spielsachen werden bereitgelegt und ich ziehe mir Fetischkleidung (meistens Gummi) an. Wenn mein Spielpartner erscheint, muss er sich vollständig entkleiden und wird von mir ins Spielzimmer geführt. Dort wird er dann fixiert und seine Augen werden verbunden. Mit Dildos und Plugs behandle ich dann seinen Anus und sein Hintern wird gespankt. Ich lasse mich dann von ihm oral in Stimmung bringen und wenn ich (bzw. mein bestes Stück) hart genug ist, dann habe ich mit meinem Opfer (geschützten) Analverkehr. Der Orgasmus meines jeweiligen Partners steht dabei nicht im Vordergrund. Ich habe auch nichts dagegen, wenn er während der Session in einem KG verschlossen ist. Aber prinzipiell ist es bei jeder Session im Groben der gleiche Ablauf und es macht mir Spaß. Aktuell sehe ich auch keinen Grund, von diesem bewährten Schema abzuweichen.“

Chris (38), Sub/Sklave: „Die Sessions, welche ich in den letzten Jahren erlebt habe, waren alle sehr ähnlich. Je nach Herrin können einzelne Komponenten variieren. Meist trage ich bei einer Session nur ein abgeschlossenes Sklavenhalsband und bin sonst nackt. Eine Session besteht mehrheitlich darin, dass ich dazu (einvernehmlich) gezwungen werde, meine Herrin vaginal zu befriedigen. Dabei kommt nicht immer mein eigenes Glied zum Einsatz. Manchmal muss auch meine Zunge herhalten oder diverse Spielsachen kommen zum Einsatz (z.B. Dildos). Ich bin der Sub (oder Sklave) und meine Herrin wird zum Höhepunkt gebracht. Häufig werde ich dazu auf dem Bett auf dem Rücken liegend fixiert und meine Herrin ‚reitet‘ sozusagen auf meinem harten Glied. Nicht immer erreiche ich dabei meinen Höhepunkt, aber der steht auch nicht im Fokus.“

Wo bleibt der Spaß und die Individualität?

Auch wenn viele Sessions einem gewissen Schema folgen, so kann Abwechslung und Individualität eine Session beleben und bereichern. Vielleicht möchte man bei der 100. Session nicht wieder seine Lederklamotten anziehen, welche man schon bei 99 Sessions zuvor getragen hat. Wie wäre es zudem, auf die Bedürfnisse des (ggf. neuen und unbekannten) Spielpartners einzugehen? Der eine mag anale Spiele, ein anderer würde gern mal Sounding ausprobieren und da war noch jemand, der gern auf atemberaubende Spiele steht. Doch manche Personen haben Scheu davor, neue Praktiken auszuprobieren und sich darin einzuarbeiten. Warum neue Dinge erlernen, wenn man bewährte Praktiken bereits perfektioniert hat? Soll sich doch mein Gegenüber danach richten, was ich beherrsche!

Trägheit

Auf der einen Seite sehnen sich viele BDSM-Liebhaber nach neuen Dingen. Gepaart mit neuen Spielsachen oder neuer Fetischkleidung kann man Abwechslung ins Liebesleben bringen. Jedoch auf der anderen Seite verzeichnen wir eine nennenswerte Trägheit, was das Erforschen neuer Praktiken und Fetische angeht. Diese Trägheit muss nicht unbedingt negativ sein. Nehmen wir als Beispiel jemanden, der sein Spielzimmer mit hochpreisigem Spielzeug ausgestattet hat. Sollte dieser sich gleich im nächsten Moment noch mehr Spielsachen kaufen, um noch individueller zu sein? Ganz im Gegenteil. Viel mehr würden wir dieser Person raten, seine Spielsachen selbst und mit anderen Spielpartnern ausführlich auszutesten und Spaß zu haben.

Ein Negativbeispiel wäre, wenn sich ein BDSM-Liebhaber neuer Praktiken verwehrt und im selben Moment aber eine gewisse Langeweile bejammert. Da kann man nur sagen: selber Schuld!

Unser Rat

Wir können euch nur raten, offen gegenüber neuer („unbekannter“) Fetische zu sein und auch mal diverse Praktiken auszuprobieren. Wir empfehlen neben den eigenen Bedürfnissen auch die seines Partners oder Partnerin mit zu berücksichtigen. Selbst wenn man mit seinem festen Partner seit Jahren ein befriedigendes Liebesleben führt, so kann man doch auch mal fragen, ob man gemeinsam mal was Neues oder gar Verrücktes ausprobieren möchte. Die Antwort könnte euch überraschen. Traut euch und macht den ersten Schritt. Einen Schritt ins Unbekannte und vielleicht einen Schritt zu einer neuen Erfüllung.

Veröffentlicht von

Dennis vom Fesselblog

Mentor und Berater im Bereich Fetisch und BDSM. Du möchtest dich über Fetisch und BDSM unterhalten? Kommt gern auf mich zu. Egal ob Einsteiger oder Profi, ich unterstütze dich gern!

2 Kommentare zu „Oberflächliche Behandlung und individuelle Bedürfnisse“

  1. Hallo,
    ich als Master habe meine eigenen Bedürfnisse im Blick. Genauso jedoch auch die Bedürfnisse meines devoten Gegenübers. Das beginnt schon im Chat / im Gespräch. Hier muss schon die grobe Richtung passen, sonst hat es keinen Sinn sich auf ein Kennenlernen einzulassen. Möchte beispielsweise jemand nur bespielt werden, ohne selbst aktiv zu werden, passt es für mich nicht. Wichtig ist mir, die Wünsche meines Spielpartners zu kennen, welche ich in einer Session berücksichtige.
    Im weiteren Kennenlernen verweise ich gerne auf meinen Fragebogen, den meine Subs / Slaves ausfüllen können. Hier erfahre ich viel über den anderen. Gleichzeitig ist mein Fragebogen keine Einbahnstraße. Ich selbst erkläre dort einige Dinge und schreibe, was ich mag und mir wichtig ist.
    Bei dem (ersten) Treffen und in der Session berücksichtige ich nicht nur die Grenzen und Tabus meines Spielpartners, sondern ebenso seine Vorlieben und Wünsche.
    Einen festgelegten Ablaufplan habe ich für eine Session nicht. Also keine Routine. Gerade bei Neulingen im BDSM-Bereich ist es so, dass ich einige Praktiken – langsam beginnend – anteste und schaue, wie derjenige darauf reagiert.
    Ich kann auch nur den Rat geben, dass man miteinader offen und ehrlich kommunizieren muss. Wenn dann noch der Wille da ist, sich auf das geile Abenteuer BDSM einzulassen, kann man eine Menge Spaß gemeinsam haben – jeder in seiner Position, die er mag. So kann man einer Trägheit entgegenwirken.

    1. Sehr geehrter Master Chris,
      es ist sehr lobenswert zu lesen, wie sehr Sie auf Ihr devotes Gegenüber eingehen. Vielleicht könnte man auch sehr abstrakt sagen, dass die Individualität Ihrer Session ein Teil Ihrer persönlichen Routine ist. Wir gehen zudem davon aus, dass die Session dadurch auch an Tiefgang gewinnen und sowohl Sie als dominanter Partner als auch ihr devoter Partner oder devote Partnerin die Session genießen können. Zudem liest man zwischen den Zeilen, dass eine „spontane Session“ zum „schnell Druckablassen“ eher nicht in Ihrem Sinne ist und der Tiefgang einer individuellen Session dann sozusagen ein Qualitätsmerkmal ist.
      Wir können nur sagen: weiter so!
      Vielen Dank, dass Sie uns an Ihre Erfahrungen teilhaben lassen!

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