Tysk Berlin: Lederkleidung - Copyright 2020, fesselblog.de

Fetisch auf Maß: Tysk Berlin – Der Lederschneider

Kraftvoll, stark, unabhängig, wild, elegant, geschmeidig, standhaft, agil, fesselnd und elektrisierend. Viele Eigenschaften mit einer Gemeinsamkeit: Tysk Berlin. Die Lederszene erfreut sich schon seit einigen Jahrzehnten großer Beliebtheit und Leder wird auch im Alltag immer salonfähiger. Doch der Trend geht weg von Massenprodukten hin zu Individualität. So wie jeder Mensch und jeder Fetisch einzigartig ist, so soll auch der Fetisch nach außen hin einzigartig präsentiert werden können. Wir haben einen jungen Schneider und Schnittmacher in Berlin getroffen, der seine Vorliebe für Leder mit seinen Kunden teilt und individuelle Wünsche erfüllt.

Fesselblog: Hallo Tim und vielen Dank, dass du dir für unseren Fesselblog Zeit nimmst. Es ist uns immer eine große Freude die Menschen hinter den Kulissen kennenzulernen. Gerade im Zeitalter vom Internetshopping bleibt der persönliche Kontakt oft auf der Strecke. Es war durchaus ein mutiger Schritt deinen eigenen Lederfetisch mit in deinen beruflichen Werdegang einfließen zu lassen. Was war der Auslöser, dass du diesen Traum umgesetzt hast?

Tim: Ich bin mit 18 in die Fetisch-Szene eingestiegen. Zuerst war ich im Sneaker-Bereich unterwegs, Softcore, Bondage und dann habe ich über Freunde die Lederszene kennengelernt. Ich fande das mit der Zeit immer interessanter und habe mir dann eine gebrauchte Lederhose gekauft. Unabhängig davon habe ich die Ausbildung als Schneider begonnen und in der Mitte meiner Ausbildung hat unsere damalige Ausbilderin uns geraten, dass falls wir uns selbständig machen wollen wir uns eine Nische aussuchen sollten. Masse kann jeder und um sich entsprechend hervorzuheben muss man sich individualisieren und etwas Einzigartiges finden. Am Ende meiner Ausbildung war mir dann durchaus bewusst, dass gerade in Berlin die Nachfrage an Lederprodukten durchaus hoch ist. Ich habe dann angefangen einige Sachen für Freunde zu nähen und vorhandene Kleidungsstücke zu reparieren. Durch meine Freunde bin ich dann immer weiter in die Lederszene gekommen.

Fesselblog: Hast du einen Mentor, der dich bei deinem Vorhaben im Hintergrund unterstützt?

Tim: Es gab da durchaus jemanden, der mich an der Hand genommen hat und mich in der Szene vielen Leuten vorgestellt hat und mich auf die “richtigen” Partys eingeladen hat und mich auch durch Mund-zu-Mund-Propaganda weiterempfohlen hat. Dieser Freund hat auch meine allererste selbstgeschneiderte Lederhose bekommen, die aus heutiger Sicht eher grausam aussieht. Tatsächlich wird die Hose von ihm noch heute getragen und er liebt sie heiß und innig. Ich bin ihm sehr dankbar, dass er mich in diese große Fetisch-Szene eingeführt hat.

Tysk Berlin: Laden - Copyright 2020, fesselblog.de
Tysk Berlin: Laden – Copyright 2020, fesselblog.de

Fesselblog: Gerade als homosexueller Mann muss man leider immer noch mit Vorurteilen in der Gesellschaft rechnen. Und doch machst du mit deinem mutigen Schritt in die Öffentlichkeit auch anderen schwulen Fetischisten Mut nicht nur ihren Fetisch offen auszuleben, sondern auch zu ihrer eigenen Sexualität zu stehen. Bist du dir dieser Vorbildsfunktion bewusst?

Tim: Ja! Ich bemerke dabei selbst oft Widerstand. Nehmen wir als Beispiel meinen letzten Schritt, den ich kürzlich gemacht habe: Die Suche nach einer Location für meinen Laden und meine Werkstatt. Gerade auf der Seite der Vermieter habe ich mit vielen Vorurteilen zu kämpfen gehabt. Ich musste hier schon klarstellen, dass es sich bei meiner Arbeit um keinen “Sex-Shop” sondern um hochwertige Lederbekleidung handelt. Bei mir wird man keinen “Schweinskram” im Schaufenster sehen. Es geht um das Gefühl des Leders und nicht zwingend um das Sexuelle. Natürlich ist jedem Lederträger freigestellt, was er oder sie macht, wenn das Leder getragen wird. Auf eine gewisse Weise kann ich Vermieter verstehen, denn diese müssen ja auch darauf achten, welches Publikum ein solcher Laden anzieht. Meine Kunden und deren Wünsche sind sehr vielseitig. Es gibt Personen, welche noch ein hohes Maß am Schamgefühl empfinden, bei dem Gedanken in Leder in die Öffentlichkeit zu treten. Diese haben Angst vor einem “Fetisch-Outing”. Hier gehen Biker aus und ein, die gar nichts mit Fetisch zu tun haben, Frauen im öffentlichen Dienst oder auch Lederkerle aus der Fetischszene.

Fesselblog: Was sind deine persönlichen Ziele und wen möchtest du mit deinen maßgeschneiderten Produkten erreichen?

Tim: Leder ist für jeden da und ich helfe ihnen dabei etwas Einzigartiges zu bekommen.

Fesselblog: Das Wort “Tysk” kommt aus dem Dänischen und bedeutet “Deutsch”. Im Vergleich zu diversen Mitbewerbern, die über den ganzen Globus verteilt ihre Massenware fertigen lassen, sind deine Produkte alle in Handarbeit in der Bundeshauptstadt Berlin gefertigt. Welche Ansprüche stellst du an dein Leder für deine Produktion?

Tim: Dass “Tysk” aus dem Dänischen stammt habe ich auch im Nachhinein erfahren. Tatsächlich ist es eine Kunstmarke, welche aus meinem Namen entstanden ist. So wurde aus Tim Szyska “Tysk Berlin”. Beim Leder ist mir wichtig, dass es europäisch geprüft und zugelassen ist. Meine Kunden sollen mit hochwertigem und schönem Leder nach Hause gehen, welches nicht abfärbt und sie auch nicht krank macht.

Tysk Berlin: Säbelzahntiger - Copyright 2020, fesselblog.de
Tysk Berlin: Säbelzahntiger – Copyright 2020, fesselblog.de

Fesselblog: Welche Bedeutung hat der Säbelzahntiger in deinem Logo für dich?

Tim: Ich wollte immer ein Wappentier haben, ein Tier, welches die Marke trägt. Ein einfacher Schriftzug war mir zu langweilig. Zusammen mit meinem Webdesigner haben wir nach einem starken Tier gesucht und so sind wir auf den Säbelzahntiger gekommen. Tysk ist stark, animalisch und im Einklang mit der Natur.

Fesselblog: Du schreibst auf deiner Website, dass es bei dir im Bekleidungsbereich ausschließlich Maßanfertigungen gibt. Wie können die Kunden bei dir bestellen?

Tim: Es gibt ein paar Accessoires, welche in Serie gegangen sind. Hierzu gehören z.B. diverse Lederfesseln, Halstücher. Solche Produkte kann man einfach per E-Mail oder auch telefonisch bestellen. Alle anderen Individualprodukte gibt es dann auf Maß. Der Kunde kommt dazu nach Terminvereinbarung in meinen Laden. Beim ersten Treffen wird besprochen, in welche Richtung die Wünsche gehen und was denn als Endprodukt herauskommen soll. Teilweise können Kleidungsstücke probiert werden, das Material kann gefühlt werden. Ich nehme dann auch Maß und ich fertige eine kleine Skizze an. Bei einer verbindlichen Bestellung leistet der Kunde dann auch eine Anzahlung. Beim zweiten Treffen ist das Produkt von der Produktion her fortgeschritten und es findet die erste Anprobe statt. Man macht hier noch ein Feintuning und prüft die exakte Passform. Und beim dritten Treffen kommt es zur finalen Anprobe und Abnahme durch den Kunden, wobei hier auch noch kleine Änderungen möglich wären. Nach dem dritten Treffen kann der Kunde das Kleidungsstück mit nach Hause nehmen und damit dann Spaß haben.

Fesselblog: Es gibt also drei Schritte: Beratung, Anprobe und Fitting. Für manche Kunden mag es eine große Hürde sein, für das Maßnehmen und Probetragen extra nach Berlin anzureisen. Gibt es auch eine Möglichkeit dir nach einer Maßtabelle die Maße mitzuteilen oder bestehst du auf den persönlichen Kontakt und das persönliche Maßnehmen?

Tim: Auf den persönlichen Kontakt muss ich bestehen. Ich muss den Kunden physisch vor mir haben. Es gibt viele kleine Details, die sich in einer Maßtabelle nicht abbilden lassen. Zudem kann bei einem persönlichen Kontakt der Kundenwunsch viel besser mit in das Produkt einfließen. Ich trete hier auch mit dem Kunden in einen offenen Dialog und jeder Kunde soll mit seinem persönlichen Endprodukt auch glücklich sein.

Fesselblog: Wie lange dauert die Produktion von bestellten Artikeln? Nehmen wir als Beispiel ein Hemd, eine Hose und/oder eine Jacke.

Tim: Die Fertigungsdauer beläuft sich auf mehrere Tage, wobei das natürlich auch stark von der aktuellen Auftragslage abhängig ist. Und dann kommt es auch darauf an, ob ich das Leder bereits vorrätig habe oder (z.B. bei speziellen Farbkombinationen) das Leder noch bei den Händlern meines Vertrauens bestellen muss. Daher können zwischen dem Ausmessen, der Beratung und der Anprobe zwei bis acht Wochen vergehen. Im Individualfall richte ich mich aber nach der Verfügbarkeit meiner Kunden.

Fesselblog: Du bietest auch den Service an, bestehende Lederkleidung zu ändern, also quasi eine “Änderungsschneiderei”. Welche persönlichen Herausforderungen machen dir in dieser Hinsicht am meisten Spaß?

Tim: Leder ist ein Material, welches man bei guter Pflege über viele Jahre tragen und sogar vererben kann. Es wäre nur zu schade ein Lieblingskleidungsstück einfach wegzuwerfen, nur weil z.B. bei einer Hose die Knie durchgescheuert sind. Die Kunden haben also die Möglichkeit ihren vorhandenen Lieblingen eine zweite Chance zu geben. Besondere Freude bereitet es mir, wenn der Kunde danach rausgeht und sein geliebtes Teil wieder tragen kann und es eben eine zweite Chance bekommen hat, obwohl es vielleicht schon abgeschrieben war.

Fesselblog: Ist es nicht manchmal einfacher ein neues Produkt zu fertigen, anstatt alte Produkte anzupassen?

Tim: Das ist leider auch schon vorgekommen. Meist war dies auf mangelnde oder nicht stattgefundene Lederpflege zurückzuführen. Wenn Leder trocken und rissig ist, dann kann ich es leider auch nicht mehr retten.

Tysk Berlin: Accessoires - Copyright 2020, fesselblog.de
Tysk Berlin: Accessoires – Copyright 2020, fesselblog.de

Fesselblog: In deinem Shop gibt es auch ein paar sehr interessante Accessoires, die gerade uns im Bereich BDSM und Fetisch besonders ansprechen. Hast du selbst persönliches Interesse an BDSM oder haben dich die Kunden zum einen oder anderen Produkt inspiriert?

Tim: Alles was es in meinem Shop gibt wurde bereits persönlich von mir getestet. ich bin mit 18 Jahren in den Quälgeist Berlin e.V. eingetreten und bin hier auch aktives Mitglied. Bondage und BDSM ist auch eine sehr große Vorliebe von mir und es ist inzwischen zu einem großen Hobby geworden. Einige werden es kennen, dass man sich mal im Internet ein fesselndes Spielzeug bestellt hat um danach festzustellen, dass es vielleicht so nicht perfekt passt. Auch hier haben meine Kunden die Möglichkeiten diese Dinge auf Maß zu bekommen, damit sie eben perfekt passen. Ich biete die Flexibilität, damit nicht nur die Kleidung, sondern auch die Lederspielsachen genau zu den Kundenanforderungen und -wünschen passen.

Fesselblog: Bleiben wir beim Thema BDSM: Behältst du gern die Kontrolle oder genießt du es auch die Kontrolle abzugeben und dich selbst in einer Session fallen lassen zu können?

Tim: Sowohl als auch. Ich bin Top und Bottom. Sicher kommt es auf die Tageslaune an, aber vor allem auf den Spielpartner. Es kommt auch darauf an, wie derjenige sich gibt. Ich hatte schon Tops vor mir, bei denen ich dann schon vorgeschlagen habe die Rollen doch lieber einvernehmlich zu tauschen und das war gut so und wir hatten gemeinsam dann viel Spaß. Ich bin der Meinung, dass man das teils erst festlegen kann, wenn man sich trifft und das erste “Beschnuppern” stattgefunden hat.

Fesselblog: Was empfindest du dabei, wenn du deine Maßanfertigungen in der Öffentlichkeit siehst?

Tim: Stolz! Es ist ein unbeschreiblich schönes und befriedigendes Gefühl. Jeder Schneider hat seinen eigenen Stil und es gibt diese kleinen Details, an denen ich sofort erkenne, dass es aus meiner Werkstatt stammt. Ich erinnere mich gut an jede Anfertigung und auch an jeden Kunden. Durch den persönlichen Kontakt mit den Kunden erzählt jedes Produkt seine eigene Geschichte und es sind diese Geschichten, die in mir aufblühen, wenn ich die Kleidungsstücke in der Öffentlichkeit sehe.

Tysk Berlin: Jumpsuit - mit freundlicher Genehmigung von Tysk Berlin
Tysk Berlin: Jumpsuit – mit freundlicher Genehmigung von Tysk Berlin

Fesselblog: Auf welche Maßanfertigung bist du bis heute am meisten stolz?

Tim: Einen “Jumpsuit”. Es ist auch hier die Geschichte dahinter. Ein Freund sagte mir damals, dass er das Sounddesign für Conchita Wurst macht und er möchte “etwas Geiles” von mir anziehen. Das war für mich der Ansporn ein paar Nachtschichten einzulegen. Der Jumpsuit kam dann auch tatsächlich zum Einsatz. Leider konnte aus gesundheitlichen Gründen im Anschluss kein gemeinsames Foto gemacht werden. Aber auch so erfüllt mich der fertige Jumpsuit sowie die Geschichte drum herum mit sehr viel Stolz und Ehrgeiz.

Fesselblog: Kannst du dich noch daran erinnern, was und für wen die allererste Maßanfertigung aus Leder war?

Tim: Ja, wie bereits erwähnt war das die (aus heutiger Sicht “schreckliche”) Lederhose für einen guten Freund. Damals haben wir uns schon gesagt: “egal wie es wird, wir schauen jetzt einfach mal”. Die Hose hatte ich inzwischen schon ein zweites Mal auf der Nähmaschine, da der Träger abgenommen hat und das hier verwendete Pferdeleder ist auch sehr genügsam, von daher wurde die Hose inzwischen enger genäht.

Fesselblog: Welchen persönlichen (Leder-)Traum würdest du dir selbst gern noch erfüllen?

Tim: Was aktuell oben auf meiner Wunschliste steht wäre mir selbst eine richtige schöne dicke Lederjacke zu nähen. Mir fehlt nur die Zeit dazu. Der Spruch “der Schuster trägt die schlechtesten Schuhe” kommt nicht von ungefähr. Die Kunden haben eben Vorrang und ich trage derweil die Lederhose, welche ich mir vor drei Jahren selbst genäht habe. Wobei mein eigener Fetisch hier nicht auf der Strecke bleibt. Ich fühle mich nach wie vor in meinen selbstgenähten Sachen sehr wohl.

Tysk Berlin: Portrait - mit freundlicher Genehmigung von Tysk Berlin
Tysk Berlin: Portrait – mit freundlicher Genehmigung von Tysk Berlin

Fesselblog: Gibt es etwas, was du unseren Lesern noch mitteilen möchtest?

Tim: Bei allen Fetischen und besonders der Lederfetisch, welcher durchaus ein teurer Fetisch sein kann, ist es gut zu wissen, dass man klein und günstig anfangen kann. Man muss sich nicht als Einsteiger die teuerste Maßanfertigung leisten. Man kann auch sehr gut gebrauchte Sachen kaufen, um in diesen Fetisch hineinzuschnuppern. Es gibt genügend Bezugsquellen für gebrauchte Lederkleidung, sei es z.B. das eine oder andere Auktionshaus im Internet. Wenn man danach für sich festgestellt hat, dass der Lederfetisch der richtige Weg ist, dann kann ich hier gern beratend zur Seite stehen und den Lederwunsch auf Maß zur Realität werden lassen, unabhängig davon, was es werden soll. Hose, Hemd, Jacke oder das eine oder andere Accessoires.

Fesselblog: Wir sagen an dieser Stelle vielen Dank für deine Zeit. Wir wünschen dir für die Zukunft alles Gute und ich gehe fest davon aus, dass auch wir noch auf dich zukommen werden für eine besondere (ggf. fesselnde) Maßanfertigung.

Hier geht es zur Website von Tysk Berlin.

Info: Dieses Interview hat im Oktober 2020 in Berlin stattgefunden.

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