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Das Ende der Privatsphäre

Privatsphäre und Datenschutz sind in aller Munde. Doch wie verhält es sich bei einer BDSM-Session? Welche Informationen sollte man einem Spielpartner unbedingt mitteilen? Hat eine devote Person überhaupt das Recht privat Informationen zurückzuhalten? Bedeutet der Einstieg in BDSM automatisch auch das Ende der Privatsphäre?

Was sind denn eigentlich private Daten oder personenbezogene Daten? Wir wollen euch nicht mit Beamtendeutsch langweilen, von daher verzichten wir auf Zitate aus dem Bundesdatenschutzgesetz. Wir wollen euch ein paar Beispiele geben, welche Daten das sein können (ohne diese jetzt genau zu kategorisieren und in einer für euch wahrscheinlich merkwürdigen Reihenfolge):

  • Vorname und Nachname
  • Anschrift
  • Geburtsdatum und Geburtsort
  • Geschlecht
  • Hautfarbe
  • Haarfarbe
  • Augenfarbe
  • Familienstand
  • Körpergröße und Gewicht
  • Blutgruppe
  • Schuhgröße, Konfektionsgröße
  • Bankverbindung (IBAN)
  • Kreditkartennummer
  • Kontostand
  • Arbeitgeber
  • Sozialversicherungsnummer
  • sexuelle Vorlieben
  • E-Mail-Adresse
  • Telefonnummer / Mobilfunknummer
  • Nickname auf sozialen Netzwerken und Datingplattformen
  • Passwörter für digitale Inhalte (E-Mail, sozialen Netzwerke, etc.)
  • Chronische Erkrankungen
  • Allergien
  • Impfstatus
  • Medikation
  • etc.

Diese Liste könnte man bis ins Unendliche fortführen. Einige dieser Daten sind „unkritisch“. Andere Daten würde man eher als „kritisch“ betrachten und sie sind nur für sich selbst oder einen kleinen Personenkreis bestimmt. Einige Daten sind natürlich aufgrund ihrer Kritikalität besonders schützenswert, weshalb der Datenschutz (und das damit verbundene Bundesdatenschutzgesetz) besonders wichtig ist.

Man muss selbst entscheiden, welche Informationen man für welchen Personenkreis freigibt. Das beginnt schon beim (richtigen) Namen. Viele Personen verwenden beim Online-Dating oder auf sozialen Netzwerken nur ein Pseudonym oder einen falschen Namen. Hauptgrund ist meist der, dass diese Personen anonym online aktiv sein wollen und sie mit diesen Aktivitäten nicht in Verbindung gebracht werden wollen.

Gerade beim Online-Dating haben viele Angst vor einem Fetisch-Outing. Dass die meisten Menschen sexuell aktiv sind, ist aufgrund der steigenden Bevölkerung kein Geheimnis. Doch welche sexuellen Vorlieben die einzelnen Personen haben, das ist meist nur wenigen (oft nur einer weiteren Person) bekannt.

Wenn sich Menschen näher kennenlernen, dann steigen auch das Vertrauensverhältnis und die Zahl der gegenseitig bekannten persönlichen Daten bzw. Informationen. Angefangen beim Namen, Anschrift, Kontaktdaten bis hin zu sexuellen Vorlieben, sofern die Personen den intimen Verkehr pflegen. Doch nur wenige (private) Sexualkontakte tauschen gegenseitig die Bankverbindung aus, außer das Sexualverhältnis ist eine kostenpflichtige (und offiziell angemeldete) Dienstleistung.

Es gibt dominante Personen, die möchten am liebsten „alles“ über ihre devoten Spielpartner wissen. Gerade in einer festen BDSM-Beziehung kann es sein, dass das auch wirklich zur Realität wird. Wie in einer „normalen“ Beziehung haben hier die Partner keine Geheimnisse voreinander und es geht noch einen Schritt weiter. Es gibt Dominas, die auch die PIN der EC-Karte des Sklaven haben oder gar die EC-Karte einbehalten. Genauso wird am Ende des Monats die Lohntüte des devoten Partners beschlagnahmt. Das birgt neben diversen Risiken auch eine entsprechende Abhängigkeit durch den jeweiligen dominanten Partner oder Partnerin.

Man muss für sich selbst entscheiden, welche persönlichen Informationen man seinem Gegenüber zur Verfügung stellt. In einer ersten (oder gar einmaligen) BDSM-Session mag das etwas anderes sein, als bei einer langjährigen hierarchischen Beziehung.

Vor einigen Jahren sind wir über die sozialen Netzwerke auf einen Dom gestoßen, der mit seinen Subs das Thema „Erniedrigung“ forciert hat. Seine Sklaven mussten in einer verfänglichen Position (z.B. nackt mit Sklavenhalsband und Keuschheitsschelle) ihren Personalausweis in der Hand halten und wurden so abgelichtet und das Bild wurde vom Dom dann online gepostet. Uns lief damals ein Schauer über den Rücken und wir haben uns in die Position der devoten Person hineinversetzt und es lief sofort das Kopfkino, was wohl passieren würde, wenn es einem von uns so ergehen würde. Bei einem genauen Blick stellte sich dann heraus, dass es gut gemachte Fotomontagen sind. Die Personalausweise wurden mit einem Bildbearbeitungsprogramm manipuliert. Nach Rücksprache mit dem Dom ging es vorrangig darum, das Kopfkino der Betrachter zu schüren und nicht die einzelnen Subs bloßzustellen. Im Laufe der Jahre sind uns mehr solcher Bilder in sozialen Netzwerken aufgefallen und nach einer gewissen Recherche war klar, dass es sich hierbei durchaus oft um „echte“ Bilder mit entsprechend echten Personalausweisen handelt.

Das ist nochmal ein großer Unterschied. Teile ich meine persönlichen Daten mit einer Person, der ich vertraue oder teile ich diese Informationen öffentlich mit fremden Personen? Im Internet können solche Informationen schnell zu einem Datenmissbrauch oder gar Identitätsdiebstahl führen. Von daher sollte man immer sehr gut überlegen, mit wem man welche Daten teilt.

Ist der Einstieg im Bereich BDSM also das Ende der Privatsphäre? Ganz und gar nicht! Gerade bei einer BDSM-Session würden wir euch dringend raten nur die absolut relevanten Daten miteinander zu teilen. Name, Kontaktdaten und ggf. Adresse sind durchaus relevant. Je nach Session kann z.B. auch das Thema chronische Erkrankungen und Medikation wichtig sein. Eine Person mit einer chronischen Lungenerkrankung ist wahrscheinlich kein geeigneter Kandidat für Atemkontrollspiele. Und Personen mit einer Latexallergie sollten bei der Wahl von Verhütungsmitteln (Kondomen) und Fetischkleidung (Latexanzug) aufpassen. Wenn ein Spielpartner von einer solchen Allergie oder Unverträglichkeit nichts weiß, dann könnte eine Session ein vorzeitiges und ggf. auch unschönes Ende erfahren.

In einer festen BDSM-Beziehung müssen die jeweiligen Partner selbst entscheiden, ob sie wirklich „alle“ Daten miteinander teilen. Die Erfahrung zeigt, dass die Offenlegung der Daten meist auf der Seite des devoten Partners weiter verbreitet ist als bei dominanten Partnern. So besitzen dominante Personen deutlich mehr Informationen ihrer devoten Spielpartner als umgekehrt.

Was denkt ihr darüber? Würdet ihr mit einem Spielpartner intime Details über euch und „kritische“ Daten teilen oder ist das eher einem festen Partner oder Partnerin vorbehalten? Schreibt uns gern einen Kommentar. Wir freuen uns auf eure Zuschriften!

Veröffentlicht von

Dennis

Mentor und Berater im Bereich Fetisch und BDSM. Du möchtest dich über Fetisch und BDSM unterhalten? Kommt gern auf mich zu. Egal ob Einsteiger oder Profi, ich unterstütze dich gern!

2 Gedanken zu „Das Ende der Privatsphäre“

  1. Ich möchte auf einen anderen Aspekt hinweisen, an den niemand gerne denken mag: Welche Situation könnte sich ergeben, wenn eine Beziehung zu Ende geht?

    Am Anfang einer Beziehung ist alles super: Mann/Frau/Divers ist verliebt, der rosa Himmel ist voller Geigen und als Gummigimp können wir er gar nicht erwarten, wieder gut verpackt zu werden. Doch jede Verliebtheit ist irgendwann vorbei und verändert sich im besten Fall in eine beiderseits erfüllen Beziehung oder Partnerschaft. Wie auch immer die Rollenverteilung aussehen mag, spätestens dann beginnen wir aus rein praktischen Erwägungen private Daten mit unserem Partner zu teilen. Dabei müssen wir gar nicht so weit gehen, dass etwa in einer D/s-Beziehung die „Lohntüte“ abgegeben wird. Wer das Glück hat ein paar Jahre miteinander verbringt, wird Daten teilen.

    Was aber, wenn so eine Beziehung zu Ende geht und das in Unfrieden?

    In einer funktionierenden BDSM-Beziehung sind die Rollen, die wir einnehmen, essentieller Teil unseres Mindsets. Als Sub ist es kein Problem, Kontrolle abzugeben. Nur wie erlangen wir die Kontrolle zurück, wenn es nicht mehr funktioniert? Von einem Moment zum anderen richten sich die persönlichen Daten, die wir zuvor freiwillig abgegeben haben, gegen uns.

    Ich sage nicht, dass dies der Normalfall ist. Vermutlich stellen sogar einvernehmliche Trennungen die überwältigende Mehrheit dar. Aber was, wenn es nicht einvernehmlich ist? Das kann von einem Rachevideo der letzten SM-Session im Sling und mit Faust im Arsch im Internet bis zu Zugriff auf Bankkonten oder üble Gerüchte zur Gesundheit und Erkrankungen reichen. Verletzte Gefühle können zu heftigen Reaktionen führen.

    Vielleicht ist es gar nicht so verkehrt, vor dem Beginn einer Beziehung sich selbst darüber Gedanken zu machen, wei weit man/frau/divers sich öffnen möchte. Vielleicht sich selbst Grenzen setzen. Wenn eine Beziehung erst ins toxische kippt, könnte es nämlich verkehrt sein.

    1. Stimmt, an das Ende einer Beziehung möchte niemand denken. Es ist gerade beim Teilen „sensibler“ Informationen umso wichtiger, mit wem man diese teilt und was diese Person damit anstellen wird und auch anstellen kann. Man sollte sich darüber ernsthaft Gedanken machen!

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