Verschossenes Tor, Copyright 2021, pxhere.com

Omertà – Das Schweigen der Community

Jede Gesellschaft hat ihre Geheimnisse und ihre unausgesprochenen Gesetze. Das gilt auch für die Fetisch- und BDSM-Community. Viele Themen werden heute immer noch ausgeschwiegen, was auf der einen Seite einem Ehrenkodex gleich kommt und man auch Außenstehende von Tabuthemen schützt. Können und dürfen wir das Schweigen brechen?

„Cu è surdu, orbu e taci, campa cent’ anni ’mpaci“
„Wer taub, blind und stumm ist, lebt hundert Jahre in Frieden.“
– sizilianisches Sprichwort

Innerhalb der BDSM-Community sind wir im Laufe der Jahre auf ein paar „Geheimnisse“ gestoßen. Und wir gehen stark davon aus, dass wir bis heute bei weitem noch nicht alle Geheimnisse gelüftet haben. Doch warum wird generell über manche Dinge geschwiegen, wenn BDSM doch nichts „Schlimmes“ ist? Wir stellen uns sogar hin und sagen, dass BDSM etwas Schönes ist und ermutigen euch diesen Weg zu gehen. Warum also dieses Schweigen?

Die Frage ist, was denn genau verschwiegen wird. Wie sieht das Innere eines Fetisch-Clubs aus? Was passiert in einem Sex-Kino? Wie funktioniert der Sex auf einer Klappe (bzw. Loge)? Was passiert hinter den Kulissen eines Porno-Drehs?

Es gibt viele Themen, die innerhalb einer Community selbstverständlich sind. So selbstverständlich und normal, dass man sie nicht aussprechen braucht. Es ist normal, dass man sich nach dem Gang auf die Toilette die Hände wäscht. Es ist normal, wenn ein Sklave vor seinem Master oder Mistress kniet. Es ist normal, dass sich fremde Personen im Internet verabreden und hemmungslosen Geschlechtsverkehr haben.

Aber wenn es doch „normal“ ist, warum sprechen wir es dann hier in diesem Beitrag an? Es liegt an der Tatsache, dass jede Community auch dunkle Seiten hat und diese wollen wir ansprechen. Handel und Konsum von Drogen, Prostitution, Menschenhandel, Vergewaltigung, Freiheitsberaubung,… die Liste ist schier unendlich lang. Doch nicht alle dieser Tabuthemen finden sich ausschließlich innerhalb der BDSM-Community. Es sind Themen, die über viele gesellschaftliche Schichten verbreitet sind.

Meist wird dann geschwiegen, wenn es in eine rechtliche Grauzone oder gar um illegale Machenschaften geht, der Handel und Konsum von Drogen zum Beispiel. Einige BDSM-Liebhaber knallen sich regelrecht für eine intensive Session weg. Und wir sprechen hier nicht nur von einem Glas Wein oder einer Nase voll Poppers. Manche nehmen Koks, andere Methamphetamin (auch bekannt als „Crystal Meth“). Besitz, Handel und Konsum sind in Deutschland illegal und doch bedient sich die Szene gern an Drogen und es kommt zu sogenannten „Chemsex-Partys“. Drogen, mit denen Hemmschwelle und Schmerzempfinden sinken und deren Rausch die Konsumenten in sexuelle Ekstase bringen. Ein Rausch, der illegal und gesundheitsschädlich ist und möglicherweise tödlich enden kann.

Infos und Hilfe zum Thema Chemsex findet ihr bei der Deutschen Aidshilfe unter: www.aidshilfe.de/chemsex

Doch es sind nicht nur Drogen, die ein Problem darstellen können, es gibt auch andere illegale Geschäfte. So kann es passieren, dass eine Sklavin oder ein Sklave anderen Personen entgeltlich zum Geschlechtsverkehr angeboten werden. An dieser Art der Zwangsprostitution finden einige Personen innerhalb der BDSM-Szene großen Gefallen. Es schürt das Kopfkino, wenn eine devote Person (scheinbar) gegen den Willen vom dominanten Partner anderen Personen für Geld zum Sex angeboten wird. Es ist hier durchaus im Bereich des Möglichen, dass die devote Person, die hier sexuelle Dienstleistungen zu erbringen hat, großen Gefallen daran findet. Bei anderen handelt es sich dann nicht mehr um gegenseitig einvernehmliche sexuelle Handlungen. Und die Tatsache, dass dann noch Geld fließt, setzt dem Ganzen die Krone auf. Eine Vergewaltigung des physischen und psychischen Wohls eines Menschen.

Auch wir haben euch in einem anderen Artikel suggeriert, dass wir einen Sklaven sogar verkauft haben. Es sei euch versichert: Der Sklave wurde nicht verkauft, es ist niemals Geld geflossen, es hat alles im Kopfkino innerhalb eines „Mind Game“ stattgefunden. Das ist der Unterschied zwischen Fiktion und Realität.

Doch wie geht man damit um, wenn man auf solche inzwischen ausgesprochenen Geheimnisse stößt? Zeigt man einen Spielpartner an, wenn dieser sich vor oder während einer Session mit Drogen zuknallt? Nimmt man es hin, wenn man als devoter Spielpartner gegen den Willen an andere Personen für Sex verkauft wird oder zeigt man auch dieses Verbrechen an?

Aus unserer Sicht gibt es hier nur eine Antwort: JA! Straftaten, die das körperliche und geistige Wohl eines Menschen gefährden, gehören angezeigt. Es geht nicht darum, ob ein Sklave bei einer Spanking-Session den Hintern rot glühend versohlt bekommt. Wenn das in einer einvernehmlichen BDSM-Session geschieht, dann ist das in Ordnung. Wenn ein Mensch aber nicht einvernehmlich verprügelt wird, dann gehört der Täter wegen Körperverletzung angezeigt. Und hier muss man differenzieren: Wann ist es eine einvernehmliche Handlung und wann ist es ein Tatbestand?

Es ist eine Gratwanderung und eine außenstehende Person wird immer schwer urteilen können, ob es einvernehmliche Handlungen sind oder ob es gegen den Willen war. Wenn eine Sklavin gezwungen wird bei einem Herrenbesuch des Masters alle Gäste oral zu befriedigen, dann kann das möglicherweise auch der sinnlichste Wunsch dieser devoten Person sein. Andererseits wären wir wieder beim Thema Vergewaltigung und Zwangsprostitution.

Es ist schwierig einen passenden Abschluss zu diesem Thema zu finden. Wir haben schon auf unserer Startseite des Blogs aufmerksam gemacht, dass wir uns von jeglicher Art von nicht einvernehmlicher Gewalt distanzieren. Solltet ihr ungewollt ein Opfer von solchen Gewalttaten oder illegalen Dinge werden, dann solltet ihr diese unbedingt zur Anzeige bringen.

Was jetzt den Anschein hat, als wären alle BDSM-Liebhaber drogensüchtige Vergewaltiger, denen sei gesagt: Es gibt in jeder Gesellschaft schwarze Schafe, die die ganze Community in Verruf bringen. Wir Menschen scheren viel zu schnell alle Mitglieder einer Personengruppe über einen Kamm. Im Grunde genommen sind die meisten BDSM-Liebhaber und Fetischisten wundervolle und interessante Persönlichkeiten, jeder auf seine eigene Art. Aber leider ist es so, dass auch hier viele unschöne Dinge, die tatsächlich passieren, einfach ausgeschwiegen werden.

Solltet ihr Unterstützung benötigen, dann findet ihr hier die aktuellen Notrufnummern in Deutschland. Gern könnt ihr euch an uns wenden, wenn ihr Fragen habt. Passt aufeinander auf!

Veröffentlicht von

Dennis

Mentor und Berater im Bereich Fetisch und BDSM. Du möchtest dich über Fetisch und BDSM unterhalten? Kommt gern auf mich zu. Egal ob Einsteiger oder Profi, ich unterstütze dich gern!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

zwanzig + zehn =

%d Bloggern gefällt das: