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Nachwuchsförderung – Notwendig oder überholt?

Jede Generation hat ihre Helden und auch im Fetischbereich wird es immer Personen geben, die wir bewundern. Einige davon nutzen die Gelegenheit, um abseits vom Rampenlicht Neueinsteiger in ihrem Fetischdasein zu unterstützen. Aber ist das eigentlich noch zeitgemäß? Braucht der Nachwuchs eine Förderung oder ist es Zeit, dass die Fetischcommunity neue Wege einschlägt?

Wissen ist Macht

Wir werden häufig von Lesern gefragt, woher wir das Wissen über so viele Themen rund um BDSM und Fetischismus haben. Manche Dinge haben wir erlernt, indem wir es einfach ausprobiert haben. Andere Dinge hingegen wurden uns von erfahrenen Spielpartnern beigebracht. Doch was überwiegt nun? Die Themen, die wir uns selbst erarbeitet haben oder die, welche uns beigebracht wurden? Vermutlich hält sich hier die Waage. Die Frage ist aber, hätten wir manche Dinge irgendwann im Eigenstudium erarbeitet, wenn wir keinen „Lehrer“ gehabt hätten?

Offene Förderung

Die erste eher offene Förderung habe ich von Freunden erhalten, die (bereits Jahre vor mir) im Bereich BDSM aktiv waren. Da hießt es sehr einladend, dass mir die Türe offen steht, aber ich müsse selbst hindurchgehen. An Fremdbestimmung war an diesem Punkt noch nicht zu denken, doch konnte ich meinen Mut zusammennehmen und auch hier mehrere restriktive Abenteuer erleben. Während einer Session gab es durchaus einen schärferen Ton, aber mir wurde kein Lebensweg vorgegeben. So beherrschte BDSM nicht mein Leben, sondern mein Leben wurde dadurch bereichert. Man könnte auch sagen, dass es eine Freizeitbeschäftigung zum hormonellem Ausgleich war.

Erzwungene Förderung

Der nächste konsequente Schritt war der Weg einer hierarchischen Beziehung. Während die Sehnsucht nach fesselnden Abenteuern immer größer wurde, nahm das Thema Fremdbestimmung einen wichtigen Platz ein. Der Ton wurde schärfer. Aus losen Chatbekanntschaften wurden feste Spielpartner. BDSM wurde mehr als nur ein Mittel zum Erreichen des sexuellen Höhepunkts. Es wurde ein Instrument zur Erziehung und meinen Willen zu beugen. Über mehrere Jahre kamen unzählige Erfahrungen dazu, wobei nicht alle immer schön waren. Es hatte seinen Reiz, bewusst mit „älteren“ (erfahrenen) Spielpartnern eine Session einzugehen, weil ich mich hier sicherer gefühlt habe. Hätte ich mich mit gleichaltrigen Personen eingelassen, so wäre es mir deutlich schwerer gefallen mich fallen lassen zu können. Lange war mir nicht bewusst, dass nicht ich meine Spielpartner gewählt habe, sondern sie mich akquiriert haben, da sie die Möglichkeit sahen, mich zu formen. War der freie Wille in den letzten Sessions eine Illusion?

Generationen auf der Überholspur

Exkurs: Als Kind der 80er Jahre zog der erste Personal Computer (PC) noch vor der Jahrtausendwende in den Haushalt ein. Zuvor gab es die ersten Gehversuche mit ausrangierten Firmenrechnern im Keller eines Freundes. Wir waren so stolz, dass wir uns die MS-DOS-Befehle merken konnten, um von der Diskette das Spiel „Prince of Persia“ zu starten. In der Schule kam man dann mit dem fast schon futuristischem Windows 3.11 in Kontakt. Vor über 25 Jahren passierte es: Ich bekam meinen ersten eigenen „ALDI-PC„. Wir wussten zwar nicht immer was wir damit taten, aber wir taten es. Innerhalb von Monaten überholte ich mit meinem gesammelten Wissen meine Eltern. Ein Leben auf der Überholspur und im Rückspiegel niemand zu sehen. Doch 25 Jahre später sieht man Konkurrenz im Rückspiegel, die versucht aufzuschließen und mich zu überholen.

Wenn wir diese Metapher über Computer nun auf die BDSM-Welt übertragen, dann sehen wir auch hier Parallelen. Meine Spielpartner von damals waren bei meinem Einstieg in die BDSM-Welt für mich quasi allwissend. Doch sie waren nicht allwissend. Wie ich am PC, hieß auch hier das Motto im BDSM, dass sie nicht immer wussten, was sie taten, aber sie taten es. Diese offene und unbeschwerte Lebensweise faszinierte mich schon immer. Mit einigen meiner Spielpartner von damals habe ich heute noch Kontakt und sie sind überrascht, über welche Themen ich hier im Fesselblog referiere. Ich bin auf der Wissensautobahn an ihnen vorbeigezogen. Doch jetzt passiert es, dass jüngere Generationen im Wissen (und Erfahrung) rund um BDSM und Fetisch an mir vorbeiziehen. Wäre es nicht meine Aufgabe gewesen die Jugend zu fördern oder bringen sie sich alles autodidaktisch bei?

Die andere Seite

Als ich als junger Erwachsener irgendwann von einem Jugendlichen in der Sie-Form angesprochen wurde, da war mir bewusst, dass ich nun zur anderen Seite gehöre. Ein Teil von mir war geschockt und dachte sich „ich bin doch einer von euch“. Aber ein anderer Teil freute sich auf einen neuen Lebensabschnitt. Nun kommen wir sogar an dem Punkt, an dem wir „alte Esel“ die Kinder von gestern auch in der Sie-Form ansprechen. Ob es bei ihnen auch zu Irritationen führt, plötzlich auf die andere Seite zu gehören?

Zugegeben, das Zeitalter des Internets hat zur sexuellen Aufklärung einen großen Beitrag geleistet und es wurde auch immer einfacher Personen zu finden, mit denen man sich auch über seltene Fetische unterhalten kann. Entwicklungsschritte, die ich persönlich über Monate hinweg gemacht habe, passieren heute in wenigen Wochen oder gar Tagen.

Ein paar junge Menschen konnten auch wir etwas aufklären und in die Welt von Fetisch und BDSM einführen. Hierzu gehörten gemeinsame BDSM-Sessions genauso wie der gemeinsame Gang in eine Fetischlocation oder Erotikmesse. So haben wir einen Teil davon zurückgeben können, was wir in unserer Anfangszeit erhalten haben.

Grafische Darstellungen

Ist es heute noch zeitgemäß junge Erwachsene an die Hand zu nehmen und ihnen zu zeigen, wie man einen Fetisch auslebt und welche Möglichkeiten man innerhalb einer BDSM-Session hat? Wenn man auf die sozialen Netzwerke schaut, dann sagen hier einige wenige Bilder mehr als tausende Worte einer erfahrenen Person. Haben wir „damals“ Erfahrungsberichte aus diversen Magazinen und später ersten BDSM-Foren im Internet gelesen, so kann der lesefaule Konsument von heute unzählige Bilder und Videos konsumieren. Warum also umständlich einen langen Text lesen, wenn man stattdessen ein Video anschauen kann?

Notwendig oder überholt?

Kommen wir nun zu unserer eingangs gestellten Frage: Ist die Nachwuchsförderung im Bereich Fetisch und BDSM überhaupt noch zeitgemäß? Wir sagen ja. Nur findet diese Nachwuchsförderung heutzutage anders und teils indirekter statt. Anstatt einer Person in einem persönlichen Dialog etwas beizubringen, werden heutzutage viele Dinge einfach im Internet recherchiert oder man fragt eine KI und bekommt eine maßgeschneiderte Antwort. Auch wir versuchen unseren Teil dazu zu leisten, damit sowohl Neueinsteiger als auch Profis über Themen rund um BDSM und Fetisch aufgeklärt und auch unterhalten werden.

Wermutstropfen

Man kann teilweise schon in nostalgische Trauer verfallen, wenn man jungen Personen begegnet, denen man nichts mehr Neues beibringen kann. Auf der einen Seite haben sie sich das Wissen schon angeeignet und auf der anderen Seite bevorzugen sie dann die Recherche im Internet gegenüber einer Lehrstunde bei einem alteingesessenen Meister. Auch hier wird der Tag kommen, an dem die „Jugend“ an den „Alten“ vorbeizieht und Dinge tut, die wir vor nicht zu träumen gewagt haben. Man hat hier aber auch eine große Chance: Anstatt auf dem Abstellgleis Trübsal zu blasen, kann man auch im gehobenen Alter etwas dazu lernen und vom neuen Wissen der Jugend profitieren. Traut euch! Man lernt bekanntlich niemals aus.

Veröffentlicht von

Dennis vom Fesselblog

Mentor und Berater im Bereich Fetisch und BDSM. Du möchtest dich über Fetisch und BDSM unterhalten? Kommt gern auf mich zu. Egal ob Einsteiger oder Profi, ich unterstütze dich gern!

Ein Kommentar zu „Nachwuchsförderung – Notwendig oder überholt?“

  1. Vormachen – Nachmachen ist eines der ältesten Prinzipien beim Lernen. Und unter fach- und sachkundiger Anleitung nach diesem Prinzip lernen ist Grundlage der beruflichen Ausbildung. Ändert sich daran was, nun da sehr viel Wissen nur einige Klicks, am Rechner, nicht an den Handschellen, entfernt ist? Ich denke, nein.
    Ja, im Internet stehen Dinge, die ‚wir‘ – ich bin Jahrgang 79 – über Karl May, amerikanische Serien und Western und vielleicht noch durch die ???, Fünf Freunde und so weiter erarbeiten und ausprobieren mussten. Da war viel Versuch und Irrtum bei, stimmt. Aber die tatsächliche Erfahrung des Fesselns und Gefesselt Werdens, die muss man weiterhin selber machen.
    Beim Zubehör verhält es sich ja nicht anders – und nee, ich will jetzt nicht rumjammern wie schwer es damals war auch nur an vernünftiges Material zum Fesseln ranzukommen. Handschellen gab es im Waffenladen/NATOshop, der war in der nächsten größeren Stadt und da reingehen und einfach so welche kaufen – wer von uns hat sich getraut? 😉
    Heute ist es recht einfach an gutes Material zu kommen und teilweise sind die Preise wirklich fair. Deswegen weiß jemand am Anfang eben doch nicht, was wirklich gefällt, was überhaupt mit einem los ist. In den von mir oben genannten ‚Anregungen‘, waren die Gefesselten nie erregt – wieso ist das bei einem selber vielleicht doch irgendwie anders? Hab ich die falschen Handschellen oder ist die Realität doch ganz anders als das Kopfkino?
    Um solche Fragen nicht nur theoretisch zu beantworten kommt man an lebenden, erfahreneren Partnern nicht wirklich vorbei. Ja, durch digitale Kommunikation, siehe genau uns jetzt, ist vieles anders geworden, gute Information von schlechter Information zu unterscheiden war früher deswegen weniger ein Thema weil es weniger Quellen gab, die dazu noch schlechter verfügbar waren, und jemanden irgendwo auf der Welt anzuschreiben… undenkbar. Wo hätte man die Leute denn finden sollen? Trotzdem die Information im Netz kamen ja von Menschen da rein und diese gaben ihr Wissen weiter.

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