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BDSM als immaterielles Kulturerbe

Rund um die Welt gibt es viele Denkmäler, die als Weltkulturerbe gelten. Dabei gibt es auch viele nicht materielle Dinge, die als immaterielles Kulturerbe zählen. Traditionen, Rituale, Praktiken, gesellschaftliche schaftliche Bräuche. Kulturelle Ausdrucksformen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden und sich stetig weiterentwickeln. Das trifft auch auf BDSM zu.

Viele Länder führen eine Liste mit sogenannten immateriellen Kulturgüter. In Deutschland gibt es ein bundesweites Verzeichnis, in der Schweiz ist es die „Liste der lebendigen Traditionen„. Von den Passionsspielen in Oberammergau über die Porzellanmalerei und Chorgesang bis hin zum Obstanbau. Die Listen der jeweiligen Länder sind hochinteressant und viele Dinge hat man in seinen Alltagsgedanken gar nicht so auf dem Schirm. Schauen wir uns die Definition an:

Das immaterielle Kulturerbe umfasst (nach Definition der UNESCO-Konvention) „Bräuche, Darstellungen, Ausdrucksformen, Wissen und Fertigkeiten – sowie die dazu gehörigen Instrumente, Objekte, Artefakte und kulturellen Räume […], die Gemeinschaften, Gruppen und gegebenenfalls Einzelpersonen als Bestandteil ihres Kulturerbes ansehen.“

Zur weiteren Identifizierung werden fünf Bereiche benannt:

  • mündlich überlieferte Traditionen und Ausdrucksformen, einschließlich der Sprache als Träger des immateriellen Kulturerbes
  • darstellende Künste wie Musik, Tanz und Theater
  • gesellschaftliche Bräuche, soziale Praktiken, Rituale und Feste
  • Wissen und Praktiken im Umgang mit der Natur und dem Universum
  • das Fachwissen über traditionelle Handwerkstechniken

Quelle: Wikipedia

Wenn wir uns diese Definition genauer betrachten, dann sehen wir viele Teilbereiche des BDSM, Bondage und Fetisch hier verankert. BDSM wird auf die verschiedensten Arten überliefert. In der Kunst findet man es auf Gemälden, auf Fotos, sogar auf antiken Tontöpfen oder Höhlenmalereien. Im Theater findet man es in Bühnenstücken und in Filmen. In der Literatur finden wir viele Werke mit fesselnden Inhalten. Alles kulturelle Konsumgüter, die uns das Wissen über BDSM und dessen Anwendung vermitteln.

Hinzu kommt die praktische Anwendung. Viele Personen leben ihre Fantasien aus und teilen ihre Erfahrungen mit anderen. So gibt es gemeinsame Sessions und auch Diskussionen über diverse Praktiken. Es gibt Workshops, in welchen man seine Erfahrungen theoretisch und auch praktisch erweitern kann und viele dominante Spielpartner bieten unerfahrenen und interessierten Personen die Praktiken entsprechend an. Eine Schnupperstunde über Fesselspiele? Warum denn eigentlich nicht?

Auch die Sprache entwickelt sich weiter. So werden geläufige Worte innerhalb von BDSM in einem anderen Kontakt gesehen. Herr, Meister, Sir, dienen, Fessel, Erziehung und viele weitere. Wenn man das bayrische Grußwort „Servus“ betrachtet, bedeutet dies aus dem Lateinischen übersetzt „der Sklave“ oder „der Knecht„. Der Gruß bedeutet dann sinngemäß „ich bin dein Diener“ oder „zu Diensten„. Er gilt bis heute als traditionelle und höfliche Grußform, auch wenn nur wenige die eigentliche Bedeutung dahinter kennen.

Bei der Wissensvermittlung von Generation zu Generation gehört ganz klar die sexuelle Aufklärung. Und die Aufklärung über sexuelle Praktiken gehört ebenfalls dazu. Natürlich kann nicht jedes Elternteil alle Praktiken vermitteln, da nicht jede auch von jeder Person praktiziert und ausgelebt wird. Man sollte interessierten Menschen den Zugang zu diesem Wissen nicht verweigern. Leider gibt es zu vielen Praktiken im Bereich BDSM viel (gefährliches) Halbwissen oder gar Unwissen.

Mit gefährlichem Halbwissen ist gemeint, dass Personen ohne entsprechendes ausführliches Wissen über eine Praktik diese dennoch praktizieren. Oft kennen diese Personen die möglichen Risiken nicht und können im Ernstfall die Situation nicht richtig einschätzen oder gar notwendige Maßnahmen ergreifen. Nehmen wir als Beispiel Atemkontrollspiele. Nur geübte Personen sollten diese Art der sexuellen Lustbefriedigung auch praktizieren. Personen ohne Erfahrung sollten hier lieber die Finger davon lassen, da diese Praktik falsch angewendet möglicherweise tödlich enden kann.

Es ist schwierig bis unmöglich eine Universalanleitung für jede Form von sexueller Praktik, Fesseltechnik und Fetischanwendung zu verfassen. Dafür sind die Themen auch viel zu speziell und jeder Mensch ist individuell. So ist das Lust- und Schmerzempfinden bei jedem Menschen unterschiedlich. Unsere Aufgabe ist es die Menschen aufzuklären und zu sensibilisieren.

Kommen wir nun zurück zum Kern des Artikels: BDSM als immaterielles Kulturerbe. Geht das überhaupt? Wir sagen ja! Es ist zwar äußerst unwahrscheinlich, dass die UNESCO dies in eine offizielle Liste aufnimmt, doch für uns ist es definitiv ein immaterielles Kulturerbe. Solange Sadomasochismus und Fetischismus weiter im ICD-Code als „Störungen der Sexualpräferenz“ (als Untergruppe der „Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen„) gelistet wird, werden wir auf die Aufnahme in UNESCO-Listen lange warten können. Und dennoch hat es sich nie besser angefühlt „gestört“ zu sein!

Veröffentlicht von

Dennis

Mentor und Berater im Bereich Fetisch und BDSM. Du möchtest dich über Fetisch und BDSM unterhalten? Kommt gern auf mich zu. Egal ob Einsteiger oder Profi, ich unterstütze dich gern!

3 Gedanken zu „BDSM als immaterielles Kulturerbe“

  1. Selbstverständlich gehören sexuelle Rituale und Praktiken zum Kulturerbe obwohl es schwer ist, daß der „Normalo“ dafür Verständnis haben wird bzw. kann, weil es ihm zu suspekt ist.
    Für mich haben mich die Subinzisions- bzw. Penisspaltungsrituale in Fernost, v.a. bei den Aboriginees Australiens derart fasziniert, daß ich es nachahmen mußte. Und dabei auch feststellen konnte, daß es eineinfaches aber sicheres Mittel der Empfängnisverhütung war. Und dies war überlebenswichtig für die kleinen Familien/Clans, die nicht größer werden durfte, weil sie dann nicht mehr überleben konnten in der Wüste. Nur wenn einer starb, konnte ein neues Leben gezeugt werden, sozusagen auf dem Grab… und ganz einfach dadurch, daß nur zu solcher Gelegenheit der gespaltene Penis bis zum Anschlag eingeführt werden durfte bei der Ejakulation und der Samen so in die Vagina gelangte, ansonsten draußen im Wüstensand vertrocknen mußte…
    Als ich dies vor vielen jahren in den einschlägigen wissenschaftlichen Publikationen anonym anmerkte, hatte die Wissenschaft endlich eine logische Erklärung für ein uraltes Ritiual und faselte nicht mehr vom besseren Auspieseln können des Lagerfeuers und ähnlichem Schwachsinn. Manchmal führt erst das Eigene Experiment zur Erkenntnis…

  2. Ich bringe gute Nachrichten: Seit 2022 gilt der ICD-11 und in dem zählt sexueller Sadismus (Code 6D33) nur noch dann als Zwangsstörung, wenn der Betroffene stark darunter leidet und seinen Trieb an Personen auslässt, die dem nicht zugestimmt haben. Zum einvernehmlichen Sadismus steht da:
    »Die Zwangsstörung des sexuellen Sadismus schließt einvernehmlichen sexuellen Sadismus und Masochismus ausdrücklich aus.«

    Nachzulesen hier: https://icd.who.int/browse11/l-m/en

    UNESCO-Kulturerbe, hier kommen wir 😃

    Gruß
    Eriktion

    1. Das sind in der Tat gute Neuigkeiten! Die ICD-11 trat am 1. Januar 2022 in Kraft. Doch in den Köpfen unserer Mitmenschen wird das alte Bild der „kranken Fetischisten“ noch lange präsent sein.

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