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Kontrollabgabe und warum sich viele damit schwer tun

Warum tun sich so viele Menschen damit schwer die Kontrolle abzugeben und sich einfach fallen zu lassen? Wir sind der Sache auf den Grund gegangen und haben festgestellt, dass wir selbst auch von diesem Phänomen betroffen sind.

Überlicherweise gibt es innerhalb einer BDSM-Session oder gar BDSM-Beziehung zwei Seiten: Die dominante und die devote Seite. Da sich manche Liebhaber dieser Welt nicht dauerhaft auf eine Seite festlegen wollen, wechseln diese Personen ja nach Spielpartner die Rollen. Solche Personen nennt man dann Switch bzw. Switcher.

Je länger ein solcher Switch in der dominanten Rolle verweilt und darin gefestigt wird, so schwerer wird es für ihn oder sie sich als devoter Spielpartner fallen zu lassen. Als Dom hat man gewisse Ansprüche an seinen Sub. Zudem hat man die Verantwortung für diese devote Person, vor allem, wenn sie gefesselt ist. Das dominante Dasein hat viele Freiheiten und man kann sein devotes Gegenüber nach seinen eigenen Wünschen formen und erziehen. Doch wenn die Rollen dann gewechselt werden, müssen sich Körper und Geist erst einmal daran gewöhnen die Kontrolle abzugeben.

Bis die Kontrollabgabe wirklich funktioniert, kann es eine Weile dauern. Manche benötigen dazu ein paar Minuten, andere benötigen mehr Zeit um sich in ihrer Rolle zurechtzufinden. Das kann unter Umständen sogar mehrere Sessions benötigen um den Geist eines Switchers wieder in die devote Seite zu lenken.

Das mag jetzt alles sehr kryptisch klingen, doch geht es mir aktuell auch so. Ich habe einen festen Sklaven. Begonnen hat es damit, dass wir uns über das Thema Keuschheit sehr intensiv ausgetauscht haben und uns (über die Ferne) auch gegenseitig keusch gehalten haben. Es stellte sich schnell heraus, dass mein Gegenüber sehr devot ist und ihm die dominante Seite nicht wirklich bekommt. So ließ ich mich darauf ein nicht nur sein Keyholder, sondern auch sein Master zu werden. Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat wachse ich in meine Rolle als Master. Es geht sogar so weit, dass ich durch diese Macht erregt werde.

Klingt doch eigentlich perfekt, oder? Ja, da wäre aber das Wort „eigentlich“. Es gibt da eine devote Seite in mir, welche sich ebenfalls nach Befriedigung sehnt. Es gab seither auch ein paar Sessions, welche allerdings eher unbefriedigend waren. Was ist passiert? Eins vorab, es lag nicht an den Spielpartnern, sondern eher an mir selbst. Mein Kopf war nicht bereit sich fallen zu lassen. Auf der einen Seite gab es bei jeder Handlung innerhalb der Session die Gedanken, was ich selbst als Top anders oder (recht überheblich gesprochen) „besser“ machen würde. Mein Körper war fest gebunden in diversen Bondage-Stellungen, doch mein Geist bleib im Top-Modus. Mein Körper wurde befriedigt, mein Geist jedoch nicht. Und das Kopfkino spielt hier ebenfalls eine große Rolle. Man sagt, dass guter Sex vorrangig im Kopf stattfindet.

Und je mehr ich als Top gegenüber meinem Sklaven agiere, desto mehr wird meine dominante Rolle gefestigt. Ich habe offen mit meinem Sklaven darüber gesprochen, da es mir wichtig ist, dass wir gegenseitig sehr offen mit unseren Gefühlen umgehen. Man merkte ihm an, dass ihm diese Situation unangenehm war, da er sich als Hauptgrund für diese Entwicklung sieht. Doch hier musste ich meine kleine Sau beruhigen. Es geht hier nicht um Schuldzuweisungen. Viel mehr liegt es an meiner geistigen Verfassung. Wir streben alle nach Perfektion und so ist es mir wichtig für meinen Sklaven ein guter, gerechter und auch strenger Master zu sein. Nur muss man immer aufpassen, dass man selbst nicht auf der Strecke bleibt.

Das war jetzt ein sehr persönliches Beispiel darüber, warum man sich schwer tun kann die Kontrolle abzugeben. Andere Personen erleben das in ihrem Beruf. Sie haben vielleicht sogar Personalverantwortung, sind Führungspositionen und stehen beruflich sehr unter Druck. Eigentlich wäre es gerade hier umso wichtiger im privaten Umfeld die Kontrolle abzugeben und sich einfach fallen zu lassen. Die einen können bildlich gesprochen einen Schalter umlegen und die Kontrolle abgeben, andere müssen dies erst lernen. Man kann durchaus lernen sich zu fügen, doch man muss auch bereit dazu sein.

Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass die Kontrollabgabe einfacher wird, wenn man dies auch regelmäßig übt. Zudem können verschiedene Spielpartner bzw. Spielpartnerinnen hilfreich sein. Wenn man nur mit einer Person interagiert, dann kann das Tauschen der Rollen schwierig werden. Einfacher ist es, wenn man bei einem Spielpartner die dominante Rolle einnimmt und sich bei einer anderen Person unterwirft. So hat man auch emotional eine andere Bindung zu diesen Personen.

Interessant wird es dann, wenn der eigene Sklave davon erfährt, dass man sich selbst jemand anderem unterwirft. Für manche ist das ein zusätzlicher Kick, da sie sich selbst dann ganz unten bzw. am unteren Ende der Hierarchie oder Nahrungskette sehen. Andere Sklaven haben damit ein Problem, weil sie sich eher in einer TPE-Beziehung sehen und vor ihrem geistigen Auge es nur schwer einzuordnen ist, dass ihr Master oder ihre Mistress sich selbst unterwirft. Die Glaubwürdigkeit bzw. Respekt gegenüber dieser Person könnte darunter leiden.

Wie seht ihr das? Tut ihr euch leicht damit die Kontrolle abzugeben? Oder habt ihr als dominanter Part vielleicht gar nicht den Wunsch die Kontrolle abzugeben?

Veröffentlicht von

Dennis

Mentor und Berater im Bereich Fetisch und BDSM. Du möchtest dich über Fetisch und BDSM unterhalten? Kommt gern auf mich zu. Egal ob Einsteiger oder Profi, ich unterstütze dich gern!

5 Gedanken zu „Kontrollabgabe und warum sich viele damit schwer tun“

  1. Kontrollabgabe kann sehr wohltuend sein. Vertrauen, Kommunikation und seelischer und physischer Gesundheitscheck sind dabei notwendig.

  2. Ich hab ja nun buchstäblich alle Kontrolle über mein Leben an Herrin abgegeben. Und dass, nachdem wir ja zunächst eine Beziehung andersherum hatten. Ich komme auch aus einem Job, in dem ich Personalverantwortung hatte. In so fern ist das schon lustig, dass mir das heute so unfassbar unwichtig erscheint, „Macht“ über jemand anderen auszuüben, sondern statt dessen nur noch „fremder“ Macht ausgesetzt zu sein. Immer tun zu müssen, was Herrin möchte, 24/7/365, denn wir leben zusammen. Mir geht es wunderbar damit und ich möchte es nicht mehr anders. Dass Glück so aussehen könnte, hätte ich früher nicht gedacht……

    1. Das Glück kann viele Seiten haben. Und die größte Freiheit kann es sein unfrei zu sein.
      Und die Kontrolle vollständig abzugeben passiert nicht von heute auf morgen. Es ist ein Prozess, der sich über eine lange Zeit erstrecken kann. Tage, Wochen, Monate oder gar Jahre…

  3. Wohl wahr, Dennis. Es hat zunächst aber vor allem mit dem Vertrauen zu tun, den man in die dominante Person haben MUSS. Das kann nur durch langes, sehr intensives Kennenlernen erfolgen. In meinem Fall ist das Vertrauen in Herrin absolut. Es ist das Vertrauen, dass meiner Herrin an dem Menschen in mir liegt und Sie mich daher zwar formt, wie es Ihr gefällt, aber meiner nicht überdrüssig wird.

    1. Das Vertrauen muss gegenseitig vorhanden sein. Der devote Partner muss dem dominanten Partner vertrauen können und umgekehrt.

      Dennoch kann es passieren, dass man sich gegenseitig vertraut, aber sich nicht fallen lassen kann.

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