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Fetischismus jenseits des Regenbogens

Wenn man sich die Bilder von Christopher Street Days anschaut, dann erwecken diese den Anschein, dass hier Demonstrationen zu Fetisch-Partys verkommen. Es werden sogar Stimmen laut, dass die queere Community den Bärenanteil der Fetisch-Community international darstellt. Wir klären auf!

Ich muss für diesen Beitrag ein wenig ausholen. Vor einigen Jahren stellte mir eine Arbeitskollegin eine interessante Frage:

„Warum gibt es bei euch Schwulen so viel mehr Fetischten als bei uns Heterosexuellen?“

Ich hatte natürlich eine spontane Antwort für sie, die sie auch zufriedenstellte. Dennoch habe ich die Frage tief in mir mitgenommen und die Fetisch-Community über die Jahre hinweg beobachtet. Mit Freunden erforschten wir meine eigenen Fetische, wir besuchten diverse Fetisch-Party und Fetisch-Clubs und da ich ein Kind des Regenbogens bin, blieb der Besuch auf diversen Christopher Street Days nicht aus. Es war bunt, es war schrill, es war laut…

Doch im Laufe der Jahre kippte die Stimmung etwas. So hatte es manchmal den Anschein, als würden die Teilnehmer dieser Veranstaltung nicht mehr für die Gleichberechtigung queerer Personen demonstrieren. Stattdessen verwandelt es sich in eine öffentliche Fetisch-Party. Gerade queere Fetischisten möchten damit nicht nur auf ihre Nicht-Heterosexualität aufmerksam machen, sondern auch auf ihre sexuellen Vorlieben im Bereich Fetisch und BDSM. Es ging in manchen Städten so weit, dass bestimmte Teilnehmergruppen ausgeschlossen wurden, da zu ihrem Erscheinungsbild auch Fetischmasken gehörten. Oft wurde damit argumentiert, dass auf Demonstrationen ein Vermummungsverbot gilt. Wir gehen davon aus, dass hier auch noch in den nächsten Jahren heftig diskutiert wird.

Und jetzt steht da oben diese Frage. Ob da wirklich was dran ist? Eigentlich muss man sich nur die Statistiken anschauen. Laut diverser repräsentativer Studien liegt der Anteil queerer Personen in Deutschland irgendwo zwischen sieben und zehn Prozent. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass 90 % der Personen in Deutschland sich als heterosexuell definieren.

Ein Rechenbeispiel: 100 Personen insgesamt, 10 Personen sind queer, 90 Personen sind heterosexuell. Selbst wenn wir bei den queeren Personen eine Fetischisten-Quote von 100 % (10 Personen) hätten, so dürfte es bei den verbleibenden 90 (heterosexuellen) Personen maximal 9 Fetischisten geben. Wäre dies der Fall, dann könnte man die oben stehende Frage mit Ja beantworten.

So antworten wir mit einem eindeutigen NEIN! Nein, queere Personen stellen nicht den Großteil der Fetisch-Community dar. Aber warum haben so viele Außenstehende Personen den Anschein, dass dem so ist. Wir haben die Antwort: Queere Personen sprechen über ihren Fetisch deutlich offener als Heterosexuelle.

Für viele Personen (absolut geschlechts- und sexualitätsunabhängig) sind Fetische ein Tabuthema. Ein Thema, welches man in einen Giftschrank sperrt. Gerade Paare mit Kindern können über ihre Fetische oft nicht offen sprechen, da sie ihre minderjährigen Kinder schützen wollen. Zudem hat das Sprechen über einen Fetisch auch oft etwas mit dem Sprechen über Gefühle zu tun. Und viele Menschen sprechen generell nur sehr ungern über ihre Gefühle.

Hinzu kommt, dass viele heterosexuelle Personen in der Öffentlichkeit gern als „normal“ betrachtet werden. Ein öffentliches Outing als Fetischist würde attestieren, dass sie „abnorm“ wären. Es wir noch viele Jahre und möglicherweise ein paar Generationen benötigen, bis das Ausleben eines Fetischs zur Normalität gehört. Bis dahin können wir euch nur ermutigen offen darüber zu sprechen. Das muss jetzt nicht inmitten eines Geschäftstermins sein.

Guten Tag, ich hoffe es geht Ihnen gut. Ich stehe übrigens auf Gummi und Leder, welche Vorlieben haben Sie?“ Es ist sehr unwahrscheinlich, dass solche Gespräche mit Kollegen, Kunden oder Fremden stattfinden. Aber gerade im Freundeskreis und näheren Bekanntenkreis sollte man den Schritt in die Offenheit wagen. Und dass man selbst einen Fetisch hat und diesen gern auslebt bedeutet nicht, dass der Gesprächspartner diese Vorliebe erwidern muss. Und mal ehrlich gesprochen: Gespräche über einen Fetisch sind doch viel spannender als übers Wetter.

Wir haben eine interessante Erfahrung gemacht. Diese (nicht repräsentative) Studie hatte das Ziel die Mitmenschen aus der Reserve zu locken. So haben wir in Maßen proaktiv auf diverse Fetische aufmerksam gemacht und beobachtet, wie die Mitmenschen darauf reagieren. Zu unserem Erstaunen wurde es mit viel Humor und Offenheit aufgenommen. Nur sehr selten kam es zur Ablehnung. Und manchmal wurde bei einem Kollegen oder Bekannten der Keim gesetzt und man musste etwas warten. So wuchs die Neugierde heran und teils Monate später wurden Fragen gestellt. Und plötzlich war die Hemmschwelle gesunken, das Eis war gebrochen und die (meist heterosexuellen) Probanden haben offen über ihre eigenen Gefühle und sexuellen Vorlieben gesprochen.

Und wenn ihr einen Fetisch habt und euch denkt, dass ihr scheinbar weit und breit der einzige Fetischist seid, dann ist dem bestimmt nicht so. Nur andere sprechen einfach nicht darüber. Das könnte sich ändern, wenn ihr den ersten Schritt macht. Traut euch!

Veröffentlicht von

Dennis

Mentor und Berater im Bereich Fetisch und BDSM. Du möchtest dich über Fetisch und BDSM unterhalten? Kommt gern auf mich zu. Egal ob Einsteiger oder Profi, ich unterstütze dich gern!

2 Gedanken zu „Fetischismus jenseits des Regenbogens“

  1. Nun… man passt auf, dass die Kinder in der Familie ja nur nicht *falsch geimpft* werden, und dann passiert das: Sie erzählen begeistert, sie würden in der KiTa jetzt Pony spielen, mit Pony einfangen, zähmen und dann fahren… begeisterte 5-jährige!

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