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Alles nur erfunden – Das Aufrechterhalten einer Illusion

Für manches Abenteuer ist ein gutes Kopfkino erforderlich, damit man sich einstimmen kann. Doch was ist, wenn es alles ausschließlich im Kopf stattfindet und das Kartenhaus langsam droht einzustürzen? Warum das Abenteuer nicht einfach (er)leben und stattdessen eine Illusion krampfhaft aufrechterhalten?

Nach einer langen Diskussion mit einem uns vertrauten Leser haben wir dessen Illusion durchschaut. Als er von uns auf frischer Tat ertappt wurde, gab es nur noch einen Weg: die Wahrheit. Und davon möchten wir euch nun berichten. Da er anonym bleiben möchte, geben wir die Geschehnisse mit unseren Worten wieder. Für den weiteren Verlauf nennen wir unseren Leser „Edgar“ (Name geändert).

Das Grundkonstrukt

Edgar (Name geändert) hat eine Vorliebe für Keuschheit und den damit verbundenen Keuschheitsgürtel. Nachdem der Locktober vor der Türe stand, haben wir ihn gefragt, ob er denn vorhat, daran teilzunehmen und sich möglichst einen Monat lang verschlossen hält. Dies wurde bestätigt und so waren wir neugierig darauf, ob er den Monat auch durchhält. Fremdbestimmt und überwacht wurde die verschlossene Keuschheit von seiner Mistress, mir der er aber nicht in einem Haushalt lebt – also eine BDSM-Fernbeziehung.

Regeln und Ausrüstung

Für den Monat Oktober (2025) hat seine Mistress Edgar auferlegt, dass er 31 Tage am Stück verschlossen keusch leben muss. Der Einschluss erfolgt am 30. September und das Ende der Keuschheit ist am 1. November, welcher dann in einer feierlichen BDSM-Session erfolgt. Als Keuschheitsgürtel wurde eine Keuschheitsschelle aus Edelstahl (Maßanfertigung) gewählt und einmal in der Woche gibt es einen durch die Mistress per Videochat überwachten Reinigungsaufschluss, jeweils an den Wochenenden. Die Schlüssel zur Keuschheitsschelle werden in einer smarten Schlüsselbox verwahrt, zu welcher die Mistress die Kontrolle hat und sie ihrem Keuschling für Reinigungsaufschlüsse eine Freigabe zur Öffnung erteilen kann.

Kontakt

Wir müssen dazu sagen, dass wir ausschließlich Chat-Kontakt zu Edgar haben und nicht zu seiner Mistress. Diese möchte eher im Hintergrund bleiben, was wir nachvollziehen können. Dennoch hat sich unser Leser Edgar gewünscht, dass wir über den Verlauf der verschlossenen Keuschheit im Bilde sind. Die Sehnsucht nach Fremdbestimmung ist bei ihm groß und so forderten wir auch entsprechende Bildbeweise („Cage Checks“) ein. Diese waren durch die Mistress auch genehmigt. Je mehr von seiner Keuschheit wissen, desto größer ist der Druck auf den Keuschling.

Verzögerungen

In den ersten Tagen der verschlossenen Keuschheit war Edgar sehr euphorisch und hat uns proaktiv mit Bildern versorgt. Nach drei Tagen war es ruhig und wir forderten ein bis zweimal am Tag einen Bildbeweis ein. Auffällig war, dass diese mit einer spürbaren Verzögerung übermittelt wurden. Die Begründungen für die Verzögerungen waren plausibel. Wenn man mit einem Arbeitskollegen auf Dienstreise ist, dann kann man im Auto nicht mal schnell die Hosen herunterlassen.

Indizien

Mit der Zeit häuften sich die Ausreden und wir hatten die Vermutung, dass Edgar seinen Keuschheitsgürtel nicht trägt. Mit ein paar bewusst gestellten Fragen und weiter eingeforderten Bildbeweisen begann das Kartenhaus langsam in sich zusammenzubrechen. Als wir bei einem Foto eindeutige Hinweise eines Betrugs fanden (es war quasi Archivmaterial, welches wir erhalten haben), haben wir ihn direkt darauf angesprochen. Dann war für ein paar Tage Funkstille, gefolgt von einer Entschuldigung und einer Aufklärung.

Wahrheit

Die Wahrheit hat uns nicht überrascht, da einige Personen das Kopfkino brauchen, um sich sexuell zu erregen. Sein Kopfkino war es, dass er fremdbestimmt keusch zu leben hat. Aber was ist denn nun die ganze Wahrheit? Die Wahrheit ist, dass er BDSM liebt und sich auch einen Keuschheitsgürtel gekauft hat. Zudem ist es auch wahr, dass er diesen selbstbestimmt gelegentlich trägt. Und er liebt die Fremdbestimmung, welche sein Kopfkino zum Leben erweckt. Aber was war denn indessen geschwindelt?

Unwahrheit

Die fremdbestimmte und verschlossene Keuschheit während des Locktobers war eine Illusion. Für die Bildbeweise wurde die Keuschheitsschelle kurzfristig angelegt und meist kurz darauf wieder abgelegt. Eine Mistress gibt es nicht, auch wenn er sich stark danach sehnt. Aber warum diese Illusion aufrechterhalten, wenn die Unwahrheit dann doch irgendwann ans Licht kommt?

Gründe

Ein Grund für diese Illusion war sein eigenes Kopfkino und der damit verbundene Druck, anderen etwas beweisen zu wollen oder es gar zu müssen. So wollte er im Locktober dabei sein, um ein entsprechendes Zugehörigkeitsgefühl zu haben. Der Konkurrenzkampf unter den devoten Personen nimmt immer stärker zu. Zum Teil genoss er sogar den Neid, welchen andere ihm gegenüber empfunden haben. Nach dem Motto: „Du hast ja eine strenge Mistress und bist den Locktober über fremdbestimmt verschlossen.“ Doch der Hauptgrund ging noch einen Schritt weiter. Er erhoffte sich die Aufmerksamkeit von einer echten Mistress, um so seine Wünsche in Erfüllung gehen zu lassen. Würde er sich frei auf dem Beziehungsmarkt anbieten, wäre er uninteressant. Wenn er aber vergeben ist, dann ist er möglicherweise für eine dominante Dame interessant.

So hatte er während dieser Schummelaktion die volle Aufmerksamkeit auf den sozialen Medien und diversen Dating-Plattformen, aber es blieb bei einer Illusion. So bleibt er nicht verschlossen und eine herbeigesehnte Fremdbestimmung trat ebenfalls nicht ein. All die Mühe um diese Illusion umsonst. Als wir ihm angeboten haben, dass wir die Schlüssel übernehmen, war ihm das zu viel und er lehnte dies ab (auch wenn es von der Entfernung her möglich gewesen wäre).

Trugbilder und KI

Das Thema Keuschheit haben wir an dieser Stelle exemplarisch benannt. Es gab in den letzten Jahren einige BDSM-Kontakte, bei denen es mehr Schein als Sein war. Auch haben wir in der Vergangenheit schon von sogenannten „Trugbildern“ berichtet. Dank künstlicher Intelligenz ist die Bildbearbeitung und das Generieren fiktiver Bilder ein Kinderspiel. Wir verteufeln das nicht vollumfänglich, sondern haben für das Anpassen mancher Bilder auch schon die KI benutzt. So kann man mit wenigen Klicks störende Gegenstände im Hintergrund entfernen. Oder möchtet ihr bei einem erregenden BSDM-Bild eine laufende Waschmaschine im Hintergrund sehen?

Weitere Beispiele

Bei Unwahrheiten ist häufig die Frage, warum man denn lügt. Manche „Lügen“ können sogar erregend sein. „Du wirst jetzt gefesselt und zwei Wochen lang im Keller angekettet bleiben“ – ein interessanter Gedanke, aber logistisch gar nicht umsetzbar. Dennoch kann eine solche Unwahrheit ins Ohr geflüstert das Kopfkino ausschmücken. Bei anderen Illusionen geht es meist um Aufmerksamkeit. Eine Person wünscht sich Aufmerksamkeit, damit aus einem Wunsch Realität wird.

Einen Tag ein Halseisen und schwere Ketten tragen (siehe Vorschaubild), ein Wochenende in Zwangsjacke verbringen, jede Nacht im Bett gefesselt sein, ein Halsband in der Öffentlichkeit tragen (müssen) und viele weitere Beispiele. Wie lange denkt ihr wohl, hat unser Opfer auf dem Vorschaubild die Metallfesseln getragen? Minuten, Stunden, Tage…? Und glaubt uns, das Gewicht sollte man nicht unterschätzen!

Eure Erfahrungen

Seid ihr auch schon einmal Opfer einer Illusion geworden? Uns würden eure Erfahrungen interessieren. Ist das Kartenhaus aus Lügen schnell zusammengebrochen oder seid ihr der Person länger auf den Leim gegangen? Oder habt ihr (vielleicht aus einer Not heraus) einmal eine Illusion bewusst aufrecht erhalten? Wenn ja, was waren eure Gründe? Wir freuen uns auf eure Zuschriften.

Veröffentlicht von

Dennis vom Fesselblog

Mentor und Berater im Bereich Fetisch und BDSM. Du möchtest dich über Fetisch und BDSM unterhalten? Kommt gern auf mich zu. Egal ob Einsteiger oder Profi, ich unterstütze dich gern!

3 Kommentare zu „Alles nur erfunden – Das Aufrechterhalten einer Illusion“

  1. Zuerst fällt mir die Illusion der (absolut) sicheren „Keuschheit“ durch eine Keuschheitsschelle ein und dabei die Frage, was Keuschheit ist – aber dazu gibt es sicherlich schon eigene Beiträge.
    Ich jedenfalls halte mich mit meinem Willen an diese Illusion, für SIE ..meistens.. (und vereinzelt ohne Schelle) in der enthaltsamen Zeit zwischen den Spielen/Stimulation durch sie/erlaubter Stimulation der einen oder anderen Art – wobei diese Zeit weniger bis viel weniger lang als einen Monat ist (und das Ganze eher Spiel i.S. von „BDSM für den Hosensack“, als auf reine Keuschheit ausgelegt)

    Zum Thema KI und Netz anders: Gibt es schon Erfahrungen, in denen tatsächlich ein Bot die Kontrolle ausübt – und möglichst auch die Dominanzrolle durch Fragen, Anweisungen, konkrete Kontrolle u.ä.?
    Nicht dass ich dies fördern wollte! Dabei nähm mich noch wunder:
    Warum hat Edgar das Angebot, dass Ihr die Schlüsselkontrolle übernähmt, nicht angenommen?

    Es wäre doch viel menschlicher, dass sich Affine, solange sie den Wunsch-Kontrollmenschen nicht finden, gegenseitig real „betreuen“ bzw. kontrollieren lassen durch andere, die diese Vorliebe teilen/unterstützen .. eingeleitet vielleicht an Treffen dazu? Seht Ihr da echte Interessen?
    Was uns betrifft: Nordwest-Schweiz, Treff-Angebot erwägend (die Redaktion darf konkrete Interessen gerne an mich weitermailen)

    1. Hallo Fabian,
      ja es gibt inzwischen KI, welche für den Einsatz als „digitalen Keyholder“ zum Einsatz kommt. Ein Leser hat uns hier einmal darauf aufmerksam gemacht. Es handelt sich hierbei um ein kostenpflichtiges Portal (welches wir namentlich nicht benennen). Zudem war das Feedback unseres Lesers eher negativ. Die Grundidee sei gut, aber die Umsetzung und der Nutzen im Verhältnis zu den Kosten eher mangelhaft. Von daher haben wir das Thema nicht weiter verfolgt.

      Und zu Edgar:
      Er war nicht bereit die Schlüssel abzugeben und es hätte auch keinen Sinn gemacht das zu forcieren, da es ihn eher noch weiter abgeschreckt hätte. Wenn er bereit ist, dann wird er den nächsten Schritt gehen.

  2. Ihr stellt und beantwortet die entscheidende Frage ja – warum? Warum lügt jemand, oder – was mir besser gefällt in diesem Zusammenhang – warum ist jemand unwahrhaftig?
    Ist es Leistungsdruck? Selbstüberschätzung? Teil des Kopfkinos? Belügt die Person sich in erster Linie selbst?
    Leistungsdruck durch Konkurrenz unter den Devoten? Oder dadurch, dass die Spielsachen immer besser, regelrecht perfekt werden? Damit brauchen wir einerseits weniger Phantasie und andererseits haben wir weniger Entschuldigungen warum es doch nicht so ganz richtig geht. Die Keuschheitsschelle sitzt gut, ist unauffällig und leicht. Also – warum packst Du Weichei die 24/7 nicht mal für 30 lumpige Tage, also einen Locktober? Wer gesteht sich schon gerne ein, dass man sich zu viel abverlangt hat? Scheitern, statt Erfüllung möchte wohl niemand erleben. Und doch kann ich für mich sagen, dass ich sehr weit von Keuschheitsgürtel/Schelle 24/7 weg bin. Ne Stunde ist schon sehr viel… und ja, meine Schelle ist kein maßgeschneidertes Designerstück, aber es darauf zu schieben wäre billig. Wäre vielleicht auch mal nen Artikel wert – aller Anfang ist schwer… aber das führt jetzt zu weit. Mein Punkt hier ist dass perfekte Spielsachen uns manchmal klar machen wie imperfekt wir sind. Solche Halseisen und Handfesseln wie auf dem Bild konnte ich mir früher allenfalls erträumen – heute ist es eine Frage des Scheckbuchs. Und doch war es schön sich vorzustellen wie die Stricke Ketten waren und die Sandkiste die Prärie des Wilden Westens. Unwahrhaftigkeit oder Phantasie? Kopfkino – oder Selbstbetrug? Natürlich wussten wir alle, dass niemandem der Tod am Marterpfahl bevorstand, aber in unserer Phantasie… oder natürlich wurden die Räuber von den Gendarmen zwar gefesselt, aber niemand von uns endete als Kettensträfling. Trotzdem fühlte es sich in der Situation ein bisschen wie real an… und das brauchte es vielleicht auch. Haben wir uns da beim Spielen selber belogen und alle haben mitgemacht? Na sicher doch! Und es war cool. Selfbondage ist ja auch heute noch so – schließlich wenn es komplett unentrinnbar wäre wäre das eine wahrscheinlich einmalige Erfahrung. Und auch ein Dom wird Grenzen nicht überschreiten … es geht also genauso weiter wie beim Geländespiel…
    Konkurrenz unter Subs? Na ja, spätestens seit Voyeur-TV der 90er wissen wir ja alle, dass es vor allem darauf ankommt, sich selbst gut zu vermarkten. Egal wie hohl die Fassade. Selbstmarketing, Selbstdarstellung und Selbstoptimierung. Warum sollte nun ausgerechnet unsere Leidenschaft davon immun sein? Der Krasseste zu sein, mit dem krassesten Spielzeug, es ist immer die Gratwanderung zwischen Show und Grenzerfahrung. Zwischen Fesselwette und Prahlerei.

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